Contents : Lesebuch zur Geschichte Bayerns.

250  46.  Der  bayerische  Hof  im  Zeitalter  des  fürstlichen  Absolutismus.

Aber  auch  der  historisch  ungleich  bedeutungsvollere  venezianische  Bruder
des  Bucintoro  hat  ein  ähnliches  unrühmliches  Ende  gefunden.  Im  Jahre  1727
prächtiger  als  je  neu  erbaut  fiel  er  der  französischen  Revolution,  welche  1797
der  Republik  Venedig  selbst  den  Todesstoß  versetzte,  zum  Opfer.  Die  vergoldeten
  Teile  desselben  wurden  auf  dem  freien  Platze  der  Insel  S.  Giorgio
von  einer  fanatischen,  demokratisierenden  Menge  am  Morgen  des  9.  Januar
1798  verbrannt;  der  Rumpf  des  Schiffes  wurde  in  eine  Batterie  verwandelt
und  diente  einige  Zeit  zur  Verteidigung  der  Lagune,  dann  als  Strafgaleere,
bis  er  1824  vernichtet  wurde.  Heutzutage  ist  nur  mehr  ein  Modell  von  dem
berühmten  Bucintoro  im  Arsenal  zu  Venedig  zu  sehen.

46.  Der  bayerische  Hof  im  Zeitalter  des  fürstlichen
Absolutismus.
Von  M.  Doeberl.)

„Der  allmächtige  Erschaffer  der  Erde,  welcher  von  sich  selbst  und  durch
seine  einzige  Hand  nach  seinem  Gefallen  könnte  die  Welt  regieren,  hat  jedoch
solche  Gewalt  den  Fürsten  mitgeteilt,  die  er  gleichsam  als  Verweser  seiner
Macht  und  Herrlichkeit  aufgestellt.  Die  Liebe,  die  er  zu  den  Menschen  trägt,
hat  ihn  vermocht  auch  seine  Autorität  mit  denselben  zu  teilen.  Gleichwie  er
in  dem  Himmel  und  am  Firmament  erschafft  und  gesetzt  die  Engel,  welche
man  intelligentias  nennt,  um  vorzustehen  der  Bewegung  derselben:  also  hat
seine  göttliche  Weisheit  für  gut  angesehen  dergleichen  Kreaturen  auch  auf
Erden  zu  bestätigen,  welche  das  Amt  trügen  die  Fürstentümer  zu  regieren."
So  urteilte  man  in  höfischen  Kreisen  Bayerns  über  das  absolute  Fürstentum
  des  17.  und  18.  Jahrhunderts.  Man  wird  gemahnt  an  die  überschwenglichen
  Worte,  mit  denen  in  Frankreich  die  Berechtigung  des  absoluten  Königtums
  von  den  juristischen  Hofpublizisten  aus  dem  römischen  Rechte,  von  den
geistlichen  aus  der  Bibel  bewiesen  wurde.

Der  Verherrlichung  des  absoluten  Fürstentums  diente  die  Prachtentfaltung
  des  kurfürstlichen  Hofes.  Wie  am  französischen  Hofe  zu  Versailles
reihte  sich  in  München  und  Nymphenburg,  in  Schleißheim  und  in  den  übrigen
kurfürstlichen  Schlössern  Fest  an  Fest:  Opern,  Ballette,  Schauspiele,  Komödien,
  Schäferspiele,  Wirtschaften,  Maskenfeste,  Feuerwerke,  Tänze,  Kopfrennen,
Turniere,  Hirschfaiste,  Schweinehatzen,  Wasserjagden,  Wasserfahrten  auf  dem
Starnberger  See,  „inter  blanditias  zephyrorum  et  nympharum,  inter
fides  et  tubas  et  in  eymbalis  bene  sonantibus“.  Der  Grundsatz  „le  roi
s'amuse“  begann  am  bayerischen  Hofe  heimisch  zu  werden.  Allen  voran  die
Kurfürstin  Adelheid,  die  an  Vielseitigkeit  alles  überbot,  jagte,  tanzte,  schauspielerte,
  musizierte,  sang,  dichtete,  komponierte,  malte  und  —  wallfahrtete.

1)  Aus  „Innere  Regierung  Bayerns  nach  dem  Dreißigjährigen  Kriege“,  Forschungen
zur  Geschichte  Bayerns,  Band  XII,  S.  32.  München  1904,  R.  Oldenbourg.