Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreißigster Jahrgang. 1914. Erste Hälfte. (55a)

184  Das  Derntsthe  Reiqh  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  25.  26.

des  Ostmarkenvereins  berichtet  hat.  Herr  v.  Kardorff  sang  heute  das  Lob—
lied  der  Ansiedlungspolitik,  aber  sein  Vater  hat  im  Jahre  1886  dem  Fürsten
Bismarck  dringend  von  der  Ansiedlungspolitik  abgeraten.  Fragen  Sie  doch
mal  die  Ansiedler  selbst,  ob  sie  zufrieden  sind!  Die  ganze  Ansiedlungspolitik
  widerspricht  dem  Reichsrecht.  Man  sagt  immer,  die  Polenpoltik
sei  nötig  gewesen  wegen  des  aggressiven  Vorgehens  der  Polen.  Aber  das
ist  nicht  wahr.  Wir  sind  stets  in  der  Abwehr  gewesen.  Auch  die  Gründe,
die  zu  dem  Ansiedlungsgesetz  führten,  die  angebliche  Ueberflutung  der  Ostmark
  durch  die  Polen,  treffen  nicht  zu.  Zu  einer  Achtung  des  Gegners  in
der  Polenpolitik  können  wir  uns  nicht  aufschwingen.  Auf  polnischer  Seite
steht  ein  ganzes  Volk  gegen  die  Unterdrückung:  auf  der  deutschen  Seite
wird  niemals  ein  ganzes  Volk  stehen,  weil  die  Mehrheit  der  Deutschen
noch  so  viel  Herz  hat,  diese  Unterdrückung  nicht  zu  billigen.“  (Beifall  bei  den
Polen.)  Abg.  Braun  (Sd.):  „Zuckerbrot  und  Peitsche  hat  die  preußische
Regierung  gegen  die  Polen  angewandt,  besonders  aber  die  Peitsche.  Die
drei  Weltreiche,  die  Polen  verschlungen  haben,  leiden  heute  noch  an  Verdauungsbeschwerden.
  Die  Ansiedlungspolitik  hat  nur  den  zweifelhaften  Erfolg
  gehabt,  daß  die  Güterpreise  gestiegen  sind.  Für  manche  Leute  ist  die
Ansiedlungspolitik  nur  ein  Mittel  zur  Sanierung  bankerotter  ostelbischer
Gutsbesitzer;  auch  die  Ansiedler  selbst  verkaufen  ihre  Siedlungen  zu  hohen
Preisen  und  machen  damit  ein  Geschäft  auf  Kosten  der  Allgemeinheit.  Die
ganze  Polenpolitik  ist  nichts  als  eine  Vergendung  von  Staatsgeldern  zu
ulturwidrigen  Zwecken.“  Unterstaatssekretär  Küster  weist  verschiedene  Behauptungen
  des  Abg.  v.  Trampczynski  entschieden  zurück.  Abg.  Machhorst
de  Mente  Nl.)  verteidigt  sich  gegen  die  Behauptungen  des  Landwirtschaftsministers
  Freiherrn  v.  Schorlemer.  Darauf  wird  die  Debatte  geschlossen.

25.  März.  (Elsaß-Lothringen.)  Die  Erste  Kammer  nimmt
mit  17  gegen  14  Stimmen  eine  vom  Oberlandesgerichtspräsidenten
Dr.  Molitor  eingebrachte  Resolution  an,  worin  die  Herabminderung
der  Repräsentationskosten  des  Kaiserlichen  Statthalters  für  nicht
begründet  und  der  verfassungsmäßigen  Stellung  des  Statthalters
nicht  entsprechend  erklärt  wird.

26.  März.  (Preußischer  Landtag.)  Eine  Novelle  zu  dem
Gesetz  über  die  Fürsorgeerziehung  Minderjähriger  vom  2.  Juli  1900
wird  vom  Abgeordnetenhause  angenommen.

26.  März.  (Reichstag.)  Bei  der  Prüfung  der  Wahl  des
Vertreters  für  den  Wahlkreis  2  in  Magdeburg,  des  Abg.  Hoesch  (Dk.)
kommt  es  zu  starken  Zusammenstößen  zwischen  den  Parteien,  weil
die  Parteien  der  Linken  die  Wahl  für  ungültig  erklären  wollen
und  zwar  nach  Grundsätzen,  die  bisher  niemals  anerkannt  und
namentlich  ihren  eigenen  Parteigenossen  gegenüber  niemals  angewendet
  worden  sind.  Der  Antrag  der  Deutschkonservativen  auf
Gültigerklärung  der  Wahl  wird  mit  176  gegen  149  Stimmen  abgelehnt.
  7  Mitglieder  enthalten  sich  der  Abstimmung.  Die  Wahl
des  Abg.  Hoesch  ist  somit  für  ungültig  erklärt.

Ferner  Beratung  über  die  Duellfrage.  Ein  von  der  Kom-