Volltext : Um den Kaiser.

gebiete,  in  der  allerlei  Mißbräuche  eingerissen  waren.  Die  Geschäfte
an  der  Zentralstelle  in  Berlin  waren  längst  über  den  Rahmen  einer
Abteilung  des  Auswärtigen  Amtes  hinausgewachsen.  Es  hatte  nicht
genügt,  daß  der  Direktor  in  allen  inneren  Verwaltungsfragen  der
Schutzgebiete  dem  Reichskanzler  unmittelbar  unterstellt  wurde.  Was
dem  Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amtes  an  Verantwortlichkeit
verblieb,  war  viel  mehr,  als  sich  mit  seinen  übrigen  Pflichten  vereinigen
  ließ.  Die  Geschäftsüberlastung,  der  der  frühere  Staatssekretär
  Frhr.  v.  Richthofen  erlegen  war,  rührte  wesentlich  von  der
Kontrolle  über  die  Kolonialabteilung  her.  Nach  dem  Entwurf  des
Reichshaushalts  für  1906/  07  sollte  deshalb  die  Kolonialabteilung
in  ein  Reichskolonialamt  mit  einem  Staatssekretär  an  der  Spitze
verwandelt  werden.

Gegen  die  Neuerung  zeigten  sich  sogleich  starke  Widerstände
im  Zentrum  und  in  der  damals  an  die  achtzig  Stimmen  zählenden
sozialdemokratischen  Fraktion.  In  der  Haushaltskommission  wurde
eine  ganze  Reihe  von  Beschwerden  über  Eigenmächtigkeiten  von  Beamten
  in  den  Kolonien  vorgebracht.  Eine  schneidige  Rede  des  Obersten
  v.  Deimling  für  neue  Mittel  zur  vollständigen  Unterdrückung
des  Eingeborenenaufstandes  in  Südwestafrika  verschärfte  noch  die
ungünstige  Stimmung.  Sachlich  machte  man  gegen  die  Umwandlung
  der  Kolonialabteilung  in  ein  Staatssekretariat  geltend,  daß
ein  selbständiges  Kolonialamt  leicht  in  Reibungen  mit  dem  Auswärtigen
  Amt  geraten  und  kolonialer  Ubereifer  der  auswärtigen  Politik
Schwierigkeiten  bereiten  könnte.  Auch  persönliche  Motive  schienen
mitzuspielen:  Der  für  das  neue  Reichsamt  in  Aussicht  genommene
Erbprinz  Ernst  von  Hohenlohe-Langenburg,  der  seit  Weihnachten  die
Geschäfte  der  Kolonialabteilung  führte,  wurde  als  Gegner  des  Zentrums
  beargwöhnt.  Trotzdem  gelang  es  dem  Kanzler,  in  der  zweiten
  Lesung  im  Plenum,  acht  Tage  vor  seiner  Erkrankung,  einen  Beschluß
  herbeizuführen,  der  sich  mit  127  Stimmen  gegen  110  für
die  Genehmigung  der  Forderung  aussprach.  In  der  dritten  Lesung
am  26.  Mai  jedoch  fehlte  die  parlamentarische  Geschicklichkeit  des
Fürsten  Bülow,  142  Abgeordnete  gegen  119  lehnten  die  Stelle
eines  Staatssekretärs  ab.  Eine  gleiche  Niederlage  erlitt  die  Regie-6