Contents : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

Samassa:  Nationalitäten  und  Parteien  Osterreichs

verhandlungsfähige  Einheit.  Diese  nationale  Grundlage
  war  hier  auch  insofern  breiter  als  bei  den  Deutschen,
  als  sie  auch  die  Sozialdemokraten  umfaßte,  was
bei  den  Polen  schließlich  dazu  führte,  daß  die  polnischen
Sozialdemokraten  zu  Beginn  des  Jahres  1916  sogar
in  den  polnischen  Reichsratsklub  und  somit  mit  den
bürgerlichen  Abgeordneten  in  eine  ganz  enge  parlamentarische
  Gemeinschaft  eintraten.

Am  bezeichnendsten  ist  diese  ganze  Entwicklung  bei
den  Polen  gewesen.  Beim  Eintritt  in  das  Verfassungsleben
  waren  die  Polen  überhaupt  nur  durch
einen  Stand  politisch  vertreten,  den  Adel  (die
Schlachta).  Er  herrschte  natürlich  ganz  in  der  damaligen
  Kurie  des  Großgrundbesitzes,  er  wurde  fast
ausschließlich  von  den  Bauern  auf  dem  Lande  gewählt,
  und  die  Intelligenz  der  Städte  schloß  sich  ihm
naturgemäß  an,  ohne  irgendwelchen  Anspruch  auf
Führung  zu  erheben.  Inzwischen  entwickelte  sich  aber
ebenso  wie  in  Posen  auch  in  Galizien  ein  polnischer
Mittelstand  hauptsächlich  auf  Kosten  der  Berufe,  die
bisher  von  den  Juden  ausgefüllt  wurden;  die  Juden
selbst  aber  vollzogen  insbesondere  in  den  Reihen  ihrer
Intelligenz  eine  Assimilierung  an  das  Polentum.
Ein  Überfluß  an  Mittel-  und  Hochschulen  schuf  geradezu
  ein  akademisch  gebildetes  Proletariat,  das  Sch
leilweise  auch  zur  politischen  Betätigung  drängte.
Das  alles  führte  zur  Bildung  demokratischer  Parteien,
  die  sich  keineswegs  der  Führung  des  Adels
unterordnen  wollten.  So  brach  mit  der  Einführung
des  allgemeinen  Wahlrechts  im  Jahre  1907  die  bisherige
  Alleinherrschaft  der  Schlachta  im  Polenklub
zusammen,  und  die  Verwirrung  wurde  um  so  größer,
als  die  Parteien,  die  sich  dieser  Herrschaft  entzogen.
nun  untereinander  um  den  Vorrang  stritten.  So
kam  es,  daß  der  Polenklub,  dem  man  in  andersnationalen
  Lagern  seine  geschlossene  Führung  beneidet
  hatte,  nun  ein  Bild  ärgster  Verwirrung  bot.  Unter
den  rund  70  Mitgliedern,  die  der  Polenklub  im  letzten
  Reichsrat  zählte,  gehörten  21  der  konservativen
(Schlachzizen-)  Partei  an,  die  indes  auch  nicht
einen  ganz  einheitlichen  Charakter  besitzt;  man  unterscheidet
  in  ihr  die  sog.  podolische  Gruppe,  die
aus  den  Großgrundbesitzern  Ostgaliziens  besteht,  von
denen  viele  auch  im  russischen  Podolien  begütert  sind,
von  den  westgalizischen-Stancyken.  Die  Podolier
neigen  den  russophilen  Allpolen  zu  und  seben  in  dem
Kampf  mit  den  Ruthenen  ihre  Hauptaufgabe.  46  polnische
  Abgeordnete  bekannten  sich  zu  einem  demokratischen
  Programm  die  Parteigruppierung  vollzog  sich
hierbei  aber  meist  um  einzelne  Personen,  zwischen  denen
nicht  immer  Eintracht  herrschte,  und  hat  mehrfach  gewechselt.
  Wegen  einer  Besonderheit  des  Programms
lind  hier  nur  die  Nationaldemokraten  hervorzuheben,
die  sog.  Allpolen,  die  einer  Verständigung  mit  Rußland
  das  Wort  redeten  und  vor  allem  die  Hrindschat
gegen  Deutschland-Preußen  predigten.  Der  Schöpfer
dieses  Programms  war  der  russische  Pole  Roman
Dmowfki.  Die  Allpolen  hatten  bei  den  ersten  Wahlen
des  allgemeinen  Wahlrechts  dank  insbesondere  der
starken  Anhängerschaft  in  der  polnischen  Bureaukratie
große  Erfolge  und  gewannen  damals  25  Mandate,
die  sich  im  Jahre  1911  allerdings  auf  10  verminderten.

Wesentlich  anders  als  bei  den  Polen  war  das  Verhältmis
  zum  Adel  bei  den  Tschechen.  Der  tschechischnationale
  Adel  war  im  Dreißigjährigen  Kriege  fast
ganz  zugrunde  gegangen.  Der  böhmische  Feudaladel,
  der  seinen  Ursprung  größtenteils  auf  Heerführer
des  Dreißigjährigen  Krieges  zurückführt,  wurde  in

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seiner  Politik  weit  mehr  von  ständischen  und  wirtschaftlichen
  Beweggründen  bestimmt  als  von  nationalen.
  Soweit  er  im  tschechischen  Sprachgebiet  begütert
war,  hatte  er  ein  Interesse  daran,  daß  nicht  etwa  eine
demokratische  Politik  der  Tschechen  seine  Spitze  gegen
ihn  richte,  anderseits  durfte  er  von  einer  gesteigerten
Autonomie  Böhmens  wohl  auch  für  nich  größeren
politischen  Einfluß  erhoffen,  als  er  bei  der  bestehenden
Verfassung  in  Wien  ausüben  konnte.  So  kam  es,  daß
der  wichtigste  Programmpunkt  der  tschechischen  Parteien,
  die  Forderu#ng  nach  dem  Sböhmischen  Staatsrecht-,
  d.  h.  eine  Stellung  der  Sudetenländer,  die  etwa
derjenigen  Ungarns  entspricht,  vom  böhmischen  Feudaladel
  den  Führern  der  Tschechen  eingegeben  wurde.
Die  erste  tschechische  Partei,  die  sie  in  engster  Verbindung
  mit  dem  Feudaladel  verfocht,  waren  die  Alttschechen,
  die  zuerst  die  tschechische  Abstinenzpolitik
vertraten  und  nach  dem  Sturze  des  Ministeriums
Auersperg  mit  einer  Rechtsverwahrung,  die  die  Zuständigkeit
  des  Wiener  Reichsrats  in  bezug  auf  die
Gesetgebung  des  Königreichs  Böhmen  bestreitet,  in
den  Reichsrat  eintraten.  Bis  zum  Jahre  1890  waren
die  Alttschechen  die  unbedingt  herrschende  tschechische
Partei.  Hinter  ihnen  tauchte  aber  bereits  die  jungtschechische
  auf,  die  sich  viel  radikaler  und  demokratischer
  gebärdete  und  den  Kampf  um  das  böhmische
Staatsrecht  als  Mittelpunkt  der  tschechischen  Politik
überhaupt  ablehnte.  Als  die  Alttschechen  im  Jahre
1890  mit  den  Deutschen  den  deutsch-tschechischen  Ausgleich
  abschlossen,  der  ein  friedliches  Nebeneinandereben
  der  beiden  Böhmen  bewohnenden  Völler  herbeiführen
  sollte,  verhinderten  die  Jungtschechen  durch
Gewalt  die  Beschlußfassung  im  böhmischen  Landtag
und  fegten  bei  den  nächsten  Reichsratswahlen  die  Alttschechen
  auch  aus  der  Reichsratsvertretung.  Nun  verblieb
  die  Führung  dertschechischen  Politikeine  Zeitlang
bei  den  Jungtschechen,  mit  denen  auch  die  Regierung
bald  ihren  Frieden  machte.  Aber  schon  tauchte  hinter
den  Jungtschechen  wieder  eine  noch  radikalere  Partei
auf,  die  Nationalsozialen,  deren  Geschichte  mit
den  Namen  Klofatsch  und  Fresl  verknüpft  ist.  Um
Professor  Masaryk  gruppierte  sich  die  Realistenpartei,
die  es  aber  nie  zu  einer  halbwegs  nennenswerten
Stärke  brachte,  wenngleich  Masaryl  selbst  einen  recht
großen  Einfluß  besaß.  Er  tat  so,  als  wollte  er  die
tschechische  Politik  von  der  Herrschaft  der  Schlagworte
befreien  und  rede  einer  vernünftigen  Verständigung
mit  den  Deutschen  das  Wort;  vor  allem  schien  ihm
panslawistische  Schwärmerei  fernzuliegen.  Der  Krieg
belehrte  in  dieser  Beziehung  insofern  eines  andern,
als  Masaryk  nach  dessen  Ausbruch  Osterreich  verließ,
um  im  Auslande  eine  recht  kräftige  Wühlarbeit  gegen
die  Monarchie  zu  entfalten.  —  Die  erwähnten  Parteien
  gediehen  vor  allem  auf  dem  Boden  der  Städte;
die  Führerschaft  lieferte  die  dank  der  vielen  Schulen
im  übermaß  sich  entwickelnde  Intelligenz.  Zunächst
war  deren  Herrschaft  über  das  flache  Land  unbestritten.
In  dem  Maße,  als  sich  auch  die  ländliche  Bevölkerung
organisierte,  wuchs  das  Bedürfnis  nach  einer  rein
agrarischen  Partei,  die  schließlich  zahlenmäßig
das  Übergewicht  über  die  städtischen  Parteien  erlangte.
In  Mähren  hatte  sich  mit  dem  Rückhalt  der  ländlichen
Bevölkerung  stets  eine  tschechischklerikale  Partei
erhalten,  die  in  Böhmen  aber  nicht  Fuß  zu  fassen
vermochte.

So  ergab  sich  bei  den  Wahlen  des  Jahres  1911
folgendes  Zahlenbild  der  tschechischen  Vertretung  im
Reichsrat:  38  Agrarier,  16  Nationalsoziale,  14  Jung-