Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

926  Werntsches  Reich.  (Oltober  18.)

Bahn  schafft,  der  nach  Hindenburgs  Worten  der  deutschen  Eiche  Licht  urd
Luft  zu  Macht  und  kraftvoller  Entwicklung  gewährt,  kann  unser  Voll  vor
der  Nachwelt  bestehen.  Wir  alle  und  mit  uns  viele  Millionen  guter
Deutscher  wollen  warten  in  Geduld  und  Zuversicht  der  befreienden  Botschaft
des  Marathonläufers:  Nenikekamen!  (Lebh.  Beif.)  Und  nun  begrüße  ich
Sie  nach  einer  langen  Vertagung  bei  unserem  ersten  Zusammentreffen  zu
ernster,  entscheidender  und  schwerster  Arbeit.  Wohl  nie  zuvor  hat  der  Landtag
  der  Monarchie  vor  so  gewaltigen,  verantwortungsvollen,  so  schwierige:
und  wichtigen  Aufgaben  gestanden  wie  jetzt.  Aber  unser  Preußenherz  ist  m
banger  Sorge  ob  der  Zukunft  unseres  Vaterlandes.  Seiner  Ueberlieferung
und  seiner  Gewohnheit  getreu  aber  wird  das  Herrenhaus  mit  Sachlichkeit,
Gründlichkeit  und  Umsicht  seine  schwerwiegenden  Entschlüsse  vorbereiten
und  fassen.  Mögen  sie,  das  ist  unser  aller  Wunsch,  gedeihen  zum  Segen
für  unser  geliebtes  Preußen  und  zum  Heil  der  Krone,  das  walte  Gotr.
(Lebh.  Beif.  und  Händeklatschen.)

18.  Okt.  (Bayer.  Abgeordnetenkammer).  Verfassungsreform.


Der  Finanzausschuß  beschäftigt  sich  mit  den  soz.  Verfassungsanträgen
  betr.  Aufhebung  der  Kammer  der  Reichsräte,  Aenderung
des  Landtagswahlrechtes,  Ausbau  der  Gesetzesinitiative  des  Landtages,  Einführung
  des  einjährigen  Staatsvoranschlages,  Beseitigung  aller  Standesvorrechte
  der  Standesherren,  Abschaffung  des  Adels,  Außfhebung  der
Privilegien  des  Königs,  Trennung  von  Kirche  und  Staat  usw.  —  Abz
Dr.  Süßheim  (Soz.)  begründet  eingehend  die  Anträge  und  ersuckt
ihnen  stattzugeben.

Namens  der  K.  Staatsregierung  gibt  hierauf  Ministerpräsident  Dr.  Grof
v.  Hertling  folgende  Erklärung  ab:  Die  K.  Staatsregierung  hat  es  sich
stets  angelegen  sein  lassen,  und  betrachtet  es  als  eine  ihrer  wichtigsten  Auigaben,
  Gesetzgebung  und  Verwaltung  den  berechtigten  Anforderungen  der
Zeit  anzupassen.  Unter  diesem  Gesichtspunkte  ist  auch,  wie  bereits  in  der
Kammer  der  Reichsräte  angekündigt  wurde,  ein  Gesetzentwurf  in  Vorbereitung,
  der  eine  zeitgemäße  Umgestaltung  der  Zusammensetzung  der
Reichsratskammer  anbahnen  soll;  der  Gesetzentwurf  wird  in  möglichster
Bälde  dem  Landtage  zugehen.  Jeder  Antrag  und  jede  Anregung,  die  auf
einen  den  Zeitverhältnissen  und  Zeitbedürfnissen  Rechnung  tragenden  organischen
  Ausbau  des  Verfassungslebens  und  der  Gesetzgebung  gerichtet  sind.
werden  von  der  K.  Staatsregierung  jederzeit  einer  eingehenden  Würdigung
und  ernsten  Prüfung  unterzogen  werden.  Die  Anträge  jedoch,  welche  der
Kammer  der  Abgeordneten  unter  Nr.  1906  und  1907  der  Beilagen  vorliegen,
  zielen  nach  verschiedenen  Richtungen  auf  eine  völlige  Umgestaltung
der  geschichtlich  gewordenen  bewährten  Grundlagen  des  bayerischen  Staates
ab.  Die  K.  Staatsregierung  kann  daher  in  diesen  Anträgen,  soweit  sie
ein  zusammengehöriges  Ganzes  darstellen,  kein  den  Staatsinteressen  dienendes
Mittel  für  einen  zweckmäßigen  Ausbau  der  bayerischen  Verfassungsgesesgebung
  erblicken  und  daher,  ohne  in  nähere  Erörterungen  einzutreten,  an
dieser  Stelle  nur  ihren  grundsätzlich  ablehnenden  Standpunkt  betonen.
  Einzelne  Anregungen  und  Wünsche,  die  sich  im  Rahmen  der  bestehenden
  Verfassung  bewegen,  werden  dagegen,  wenn  sie  bei  den  verschiedenen
  Ressorts  vorgebracht  werden,  seitens  der  K.  Staatsregierung  die
entsprechende  sachliche  Würdigung  finden.

Die  bürgerlichen  Abg.  schließen  sich  im  allgemeinen  der  Erklärung  des
Ministerpräsidenten  an.  Bei  der  Abstimmung  (am  19.)  werden  die  Anträge
gegen  die  Stimmen  der  Soz.  abgelehnt.