Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1917. (51)

Paul  Hirsch,  Die  Sozialdemokratie.  53

Die  Interessen  der  Arbeiterklasse  sind  in  allen  Ländern  mit  kapitalistischer  Produktionsweise  die  gleichen.
Mit  der  Ausdehnung  des  Weltverkehrs  und  der  Produktion  für  den  Weltmarkt  wird  die  Lage  der  Arbeiter  eines
jeden  Landes  immer  abhängiger  von  der  Lage  der  Arbeiter  in  den  anderen  Ländern.  Die  Befreiung  der  Arbeiterklasse
  ist  also  ein  Werk,  an  dem  die  Arbeiter  aller  Kulturländer  gleichmässfg  beteiligt  sind.  In  dieser  Erkenntnis
fühlt  und  erklärt  die  sozialdemokratische  Partei  Deutschlands  sich  eins  mit  den  klassenbewussten  Arbeitern  aller
übrigen  Länder.  .

Die  sozialdemokratische  Partei  Deutschlands  kämpft  also  nicht  für  neue  Klassenprivilegien  und  Vorrechte,
  sondern  für  die  Abschaffung  der  Klassenherrschaft  und  der  Klassen  selbst  und  für  gleiche  Rechte  und
gleiche  Pflichten  aller  ohne  Unterschied  des  Geschlechts  nnd  der  Abstammung.  Von  diesen  Anschauungen  ausgehend
  bekämpft  sie  in  der  heutigen  Gesellschaft  nicht  bloss  die  Ausbeutung  und  Unterdrückung  der  Lohnarbeiter,
sondern  jede  Art  der  Ausbeutung  und  Unterdrückung,  richte  sie  sich  gegen  eine  Klasse,  eine  Partei,  ein
Geschle:ht  oder  eine  Rasse.

Von  Fragen,  die  die  weiteren  Parteitage  beschäftigten,  seien  genannt  der  Staatssozialismus,
  die  Stellung  der  Sozialdemokratie  zur  Gewerkschaftsbewegung,  die  Agrarfrage,  die  Frauenfrage,
  die  Frage  der  Beteiligung  an  den  preussischen  Landtagswahlen,  die  Zoll-  und  Handelspolitik,
die  Grundanschauungen  und  die  taktische  Stellungnahme  der  Partei,  eine  Frage,  deren  Erörterung
durch  das  Auftreten  der  Revisionisten  notwendig  wurde,  ferner  die  Frage  der  Weltpolitik,  der
Arbeiterversicherung,  der  Kommunalpolitik,  des  politischen  Massenstreiks,  der  Volkserziehung,
der  Sozialpolitik,  die  Genossenschaftsfrage,  die  Alkoholfrage,  die  Steuerfrage  und  die  Frage  der
Bekämpfung  der  Arbeitslosigkeit.  Vom  Jahre  1900  ab  haben  auch  wiederholt  besondere  Frauenkonferenzen
  getagt,  die  letzte  im  Jahre  1911  in  Jena.  Die  Protokolle  über  die  Parteitage,  über  die
Landesversammlungen  der  Sozialdemokraten  in  den  einzelnen  Bundesstaaten,  über  die  Konferenzen
  der  sozialdemokratischen  Gemeindevertreter  bieten  ein  Bild  von  dem  regen  Leben,  das  in
der  Partei  herrscht.  :

Getreu  ihren  Grundsätzen  betätigt  sich  die  Sozialdemokratie  auch  auf  internationalen:
Gebiet.  Auf  den  internationalen  Arbeiter-  und  Sozialistenkongressen  (1890  in  Paris,  1891  in
Brüssel,  1893  in  Zürich,  1900  in  Paris,  1904  in  Amsterdam,  1907  in  Stuttgart,  1910  in  Kopenhagen
  und  1913  in  Basel)  war  sie  vertreten  und  hat  regen  Anteil  an  den  Verhandlungen  genommen,
dem  internationalen  sozialististischen  Bureau  in  Brüssel  ist  sie  angeschlossen.

Über  den  augenblicklichen  Stand  der  Bewegung  gibt  der  Bericht  an  den  Parteitag  in  Jena
Auskunft.  Hiernach  belief  sich  die  Anzahl  der  organisierten  Sozialdemokraten  am  31.  März  1913
auf  982  850,  gegenüber  dem  1.  Juli  1912  ein  Mehr  von  12  738.  Die  Fortschritte  der  proletarischen
Jugendbewegung  lassen  sich  an  dem  Abonnentenstand  der  „Arbeiterjugend‘  ermessen,  der  zurzeit
89  409  beträgt  und  sich  auf  mehr  als  560  Orte  verteilt.  Jugendausschüsse  bestehen  an  655,  besondere
Jugendheime  an  291  Orten.  Die  Agitation  unter  den  Landarbeitern  hat  gleichfalls  gute  Fortschritte
gemacht,  und  ebenso  ist  über  die  Frauenbewegung  nur  Günstiges  zu  berichten.

In  den  Landtagen  von  22  Bundesstaaten  sitzen  insgesamt  231  sozialdemokratische  Abgeordnete,
  in  509  Städten  und  2973  Landgemeinden  zählt  die  Partei  zusammen  11681  Gemeindevertreter,
  wozu  noch  320  Vertreter  im  Magistrat,  im  Stadtratoderim  Gemeindevorstand  von  65  Städten
und  120  Landgemeinden  kommen.  Die  Zahl  der  Tageszeitungen  beträgt  90.  Das  Zentralorgan,
der  „Vorwärts“,  lieferte  im  letzten  Jahre  280  000  M.,  die  wissenschaftliche  Revue  ‚Die  neue  Zeit“,
das  Witzblatt  „Der  wahre  Jakob‘  und  die  Frauenzeitung,  die  „Gleichheit“,  zusammen  100  000  M.,
die  Buchhandlung  „Vorwärts“  20  000  M.  als  Überschuss  an  die  Parteikasse  ab.  Dagegen  erfordert
die  „Kommunale  Praxis“  Zuschüsse.  Vom  Parteivorstand  ressortiert  ein  besonderes  Pressebureau,
das  die  Parteizeitungen  mit  Nachrichten  versorgt,  ein  Bildungsausschuss,  die  Zentıalstelle  für
die  arbeitende  Jugend  und  die  Parteischule,  die  bereits  ihren  sechsten  halbjährigen  Kursus  hinter
sich  hat.  Die  Gesamteinnahmen  allein  bei  der  Zentralkasse  beliefen  sich  im  letzten  Jahre  auf
1  469  718  M.,  die  Gesamtausgaben  auf  1-075551  M.

Das  Wesen  der  Sozialdemokratie  geht  aus  der  Entstehungsgeschichte  der
Partei  und  aus  ihrem  Programm  deutlich  hervor.  Als  Vertreterin  einer  wirtschaftlich
schlecht  gestellten  und  politisch  unterdrückten  Klasse,  für  deren  soziale  Hebung  und
politische  Gleichberechtigung  sie  kämpft,  muss  die  Sozialdemokratie  ihrem  innersten  Wesen