Full text : Lehrbuch der bayerischen Geschichte.

70  Bayern  unter  Welf  II.

Habe  der  römischen  Kirche  geschenkt  und  sich  standhaft  weigere,
ihr  Vermächtniß  zurückzunehmen,  da  lösten  die  enttäuschten  Welfen
ihre  Bündnisse:  der  jüngere  Welf  trennte  sich  von  seiner  Gemahlin
  Mathilde,  der  ältere  Welf  sagte  sich  vom  Papste
los  und  gingen  beide  zum  Könige  Heinrich  IV  über,  der  sich  zu
dieser  Zeit  eben  in  Padua  aubpbhielt.  Bereitwilligst  gab  dieser
dem  Vater  Welf  das  Herzogthum  Bayern  zurück  (1096—110|1),
vermuthlich  als  erbliches  Herzogthum.

Der  zu  Anfang  des  Jahres  1097  erfolgte  Tod  des  Markgrafen
  Azzo  II  von  Este  lenkte  den  Blick  Welfs  I  nach  Italien,
  wo  seine  Stiefbrüder  Hugo  und  Fulko  dem  väterlichen
Testamente  zufolge  von  der  ganzen  Verlassenschaft  des  Vaters
Besitz  ergriffen.  Welf  stieß  das  Testament  um  und  verlangte
den  gesetzmäßigen  Erbtheil.  Da  die  beiden  Stiefbrüder  diesen
verweigerten,  zog  Welf  mit  einer  in  Bayern  und  Kärnthen
aufgebrachten  Streitmacht  nach  Italien,  brachte  dem  Heere  seiner
Stiefbrüder  empfindliche  Nachtheile  bei  und  gewann  den  größern
Theil  der  väterlichen  Güter  (1098)  für  sich.

Im  Jahre  1100  schloß  sich  Welf  1  dem  unglücklichen
Kreuzzuge  Wilhelms  von  Aquitanien  nach  dem  hl.  Lande
an,  starb  aber  im  nächsten  Jahre  auf  der  Rückkehr  von  diesem
Zuge  zu  Paphos  auf  der  Insel  Cypern  (13.  Nov.  1101).  Er
hinterließ  zwei  Söhne,  Welf  und  Heinrich,  von  denen  ihm
jener  in  Bayern,  dieser  in  den  schwäbischen  Grafschaften
nachfolgte.

&  45.  Welf  II  (1101—1120),  ein  wegen  seiner  Leutseligkeit
  und  Liebe  zu  den  Künsten  des  Friedens  allgemein  verehrter
  Fürst,  entschied  sich  bei  dem  Zwiste,  der  (1104)  zwischen
dem  Kaiser  Heinrich  IV  und  seinem  zweitgebornen  Sohne,
Heinrich,  ausbrach,  zu  Gunsten  des  letztern  und  stellte  diesem,
als  es  zwischen  Vater  und  Sohn  zum  Krieg  kam,  seine  ganze
Streitmacht  zur  Verfügung.  Der  Kaiser  fiel  in  die  Hände  seines
Sohnes,  der  ihn  auf  einer  Versammlung  zu  Ingelheim  unter
Androhung  des  Todes  zur  Abtretung  der  Regierung  zwang,  angeblich,
  um  den  Zwiespalt  zwischen  Staat  und  Kirche  zu  beendigen.
  Der  Kaiser  entfloh  nach  Lüttich  und  fand  Unterstützung