Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zehnter Jahrgang. 1869. (10)

258  Oesterreich-Ilngarn.

zeugung  im  Protest  vom  13.  April  1867  und  weiter  in  der  Declaration
vom  22.  August  1868  Ausdruck.  Deine  Abgeordneten  waren  bemüht,  durch
diese  Erklärung  das  Staatsrecht  der  Krone  Böhmens,  die  Autonomie  des
glorreichen  Königreichs  Böhmen  und  die  Gleichberechtigung  ihrer  Nationalität
nach  Kräften  zu  wahren;  zu  wiederholten  Malen  erboten  sie  sich,  dießfalls  zu
unterhandeln,  denn  sie  waren  stets  bedacht.  die  Macht  und  Integrität  des
Reichs  zu  erhalten,  und  hielten  die  Verständigung  mit  ihren  deutschen  Landsleuten
  auf  Grund  wahrer  Gleichberechtigung  stets  für  ihre  vornehmste  Pflicht;
freilich,  das  Recht,  das  der  Krone  Böhmen  als  historisch-politischer  Individualität
  zukommt,  das  ebensowohl  natürliche  als  positive  Recht  auf  seine  Eigenexistenz
  und  eigene  Legislative,  haben  sie  niemals  hintangegeben.  Als  ihnen
endlich  auch  diese  kostbaren  Güter  bedroht  erschienen,  da  verzichteten  sie  lieber
auf  die  Theilnahme  an  der  Vertretung  des  Neiches  sowohl,  als  des  Landes
Böhmen,  so  lange  diese  auf  den  gegenwärtigen  Grundlagen  und  auf  der
jetzigen  Competenz  beruhen  werde;  denn  die  Abgeordneten  böhmischer  Nationalität
  hielten  dafür,  daß  in  diesen  beiden,  insbesondere  mit  Rücksicht  auf  die
ererbte  Verfassung,  auf  die  vorangegangenen  Willenserklärungen  des  Herrschers
und  die  allerhöchsten  Versprechungen  des  Monarchen,  das  Staatsrecht,  die
Autonomie  und  die  böhmische  Nationalität  beeinträchtigt  werden."  Im  Folgenden
  wird  alsdann  behauptet:  Se.  Maj.  der  Kaiser  oder,  wie  das  Manifest
beharrlich  sagt,  „unser  gegenwärtiger  König"“",  habe  zwar  die  Absicht,  die
böhmischen  Rechtsansprüche  zu  achten,  aber  eine  im  Hinblick  auf  die  Endresultate
  ihrer  Bestrebungen  durchaus  unösterreichische,  jedoch  durch  Unterstützung
feiler  Journale  mächtige  und  ihre  finanziellen  Einflüsse  zu  Zwecken  der  nationalen
  Hegemonie  rücksichtslos  ausnützende  Partei  habe  sich  der  öffentlichen
Meinung  in  der  Residenz  bemächtigt,  sei  bemüht,  entscheidenden  Einfluß  auf
die  Schicksale  des  böhmischen  Volkes  zu  nehmen,  und  bestrebe  sich,  das  Königreich
  Böhmen  in  ein  nie  dagewesenes  Gebilde  einzufügen,  welches  nach  der
Ueberzeugung  der  böhmischen  Abgeordneten  mittelst  der  unabwendbar  wachsenden
  Macht  der  Verhältnisse  endlich  nicht  nur  die  böhmische  Nationalität
und  die  Autonomie  des  Landes,  sondern  auch  die  Souveränetät  des  Herrschers
ernstlich  gefährden  könnte.  Ob  und  inwiefern  es  den  jetzigen  Räthen  der  Krone
gelungen,  sich  dem  Einflusse  solcher  Tendenzen  zu  entziehen,  darüber  werde
seinerzeit  die  unparteiische  Geschichte  entscheiden.  Mittlerweile  sei  aus  den  Organen
der  gegenwärtigen  nichtungarischen  Minister  zu  ersehen,  daß  diese  glauben  oder
wenigstens  behaupten,  das  böhmische  Volk  in  seiner  Mehrheit  verdamme  die
bisherige  Handlungsweise  seiner  Vertreter  und  Vertrauensmänner.  Durch
diesen  Zwiespalt  zwischen  der  gesammten  Vertretung  des  ganzen  böhmischen
Volks  und  den  gegenwärtigen  Räthen  der  Krone  für  die  nichtungarischen  Länder
  sei  offenbar  auch  im  Gemüthe  Sr.  Maj.  des  Königs  der  Zweifel  rege
geworden,  ob  die  Abgeordneten  böhmischer  Nationalität  in  ihrem  Proteste  und
in  ihrer  Declaration  der  politischen  Ueberzeugung  ihrer  ganzen  Nation  getreuen
  Ausdruck  gegeben.  Daher  fordern  die  HH.  Palazky,  Nieger,  Sladkowsky
  und  Consorten  das  „Volk  von  Böhmen“  auf,  daß  an  den  beiden
Wahltagen  (22.  und  24.  Sept.)  Jeder  vor  seinem  König,  vor  seinem  Volke,
vor  der  ganzen  Monarchie,  ja  vor  der  gesammten  gebildeten  Welt  seine  politische
  Ueberzeugung,  seinen  Willen  ausspreche.  „Volk  von  Böhmen,  wenn  du
dir  getraust,  mit  reinem  Gewissen  also  zu  handeln,  gehe  hin  und  verleugne
deine  Abgeordneten.  Wer  aber  die  Handlungsweise  seiner  Vertrauensmänner
billigt,  der  lasse  sich  weder  durch  Ueberredung  noch  durch  Gewinn  und  Furcht
verleiten,  im  entscheidenden  Augenblick  seine  Ueberzeugung  zu  verleugnen,  der
gehe  und  spreche  dieselbe  vor  der  Wahlurne  aus,  als  ganzer  Mann,  als  ehrlicher
  Bürger,  als  treuer  Böhme.“
15—16.  Sept.  (Oester  reich:  Steiermark).  Katholikentag  in  Graz.

Es  haben  sich  zu  demselben  wohl  an  2000  Personen  eingefunden,  indeß

bestehen  dieselben  zu  einem  Drittheil  aus  Geistlichen  und  der  Rest,  außer