Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zwölfter Jahrgang. 1871. (12)

228  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

Uebergangszustandes  die  Ausprägung  der  Goldmünzen  in  allen  dazu  verfügbaren
  Münzstätten  auf  Kosten  des  Reichs,  welches  überdieß  durch  die  Zahlung
der  französischen  Kriegscontribution  in  die  Lage  versetzt  wird,  das  nöthige  Gold
liefern  zu  können.  Dieser  Uebergangszustand  wird  seinen  Abschluß  finden,
sobald  der  Verkehr  mit  der  für  die  Durchführung  des  neuen  Systems  nöthigen
  Menge  von  Goldmünzen  erfüllt  ist.  Es  wird  dann  der  Zeitpunkt  gekommen
  sein,  im  gesetzlichen  Wege  die  Bestimmungen  über  die  Einziehung  der
groben  Silbermünzen  zu  treffen  und  die  Münzreform  zum  Abschluß  zu  bringen.“
7.  Nov.  (Bayern.)  Der  Landrath  der  Pfalz  erklärt  sich  für  die  baldmöglichste
  Erlassung  eines  Schulgesetzes,  das  auf  dem  Princip  der
Trennung  der  Schule  von  der  Kirche  beruhe,
und  zwar  bezüglich  des  ersten  Theils  einstimmig,  bez.  des  zweiten  aber
mit  allen  gegen  die  Stimmen  der  drei  Vertreter  der  Geistlichkeit.
(Luxemburg.)  Eröffnung  des  Landtags.

Die  Thronrede  betont  die  guten  Beziehungen  mit  den  auswärtigen  Mächten,
die  durch  die  Kriegsereignisse  nicht  unterbrochen  worden  seien.  Sie  bedauert,
daß  die  Frage  der  Liquidationen  mit  Holland  noch  nicht  gelöst  sei,  hofft  aber
deren  befriedigende  Lösung.  Die  Regierung  mußte  sich  mit  den  Fragen  beschäftigen,
  welche  die  Aufkündigung  des  Betriebes  der  Wilhelmsbahn  seitens
der  Ostbahngesellschaft  zur  Folge  hatte.  Die  Schwierigkeit,  die  verschiedenen
Rechtsansprüche  und  Interessen  zu  vereinigen,  habe  die  Lösung  der  Frage  bisher
  verhindert.  Die  Kammer  wählt  de  Scherff  zum  Präsidenten  mit  20
Stimmen  bei  15  Enthaltungen.

7.—8.  „  (Preußen.)  Bei  den  Stadtverordnetenwahlen  in  Köln
unterliegen  die  Clericalen  in  der  dritten  und  letzten  Wählerabtheilung
gänzlich.

8.  „  (Deutsches  Reich.)  Reichstag:  nimmt  den  Antrag  Büsing
(Mecklenburg)  auch  in  dritter  Lesung,  von  einem  durch  die  Maßlosigkeit
  des  socialdemocr.  Abg.  Bebel  verursachten  Scandal  abgesehen,

ohne  erhebliche  Debatte  mit  großer  Mehrheit  an.

9.  „  (Deutsches  Reich.)  Reichstag:  erste  und  zweite  Lesung  des
sog.  Antrags  Lasker,  die  Competenz  des  Reichs  auf  das  gesammte
bürgerliche  Recht,  das  Strafrecht  und  das  gerichtliche  Verfahren,  einschließlich
  die  Gerichtsorganisation,  auszudehnen.  ·

Als  Antragsteller  fungiren  die  Abgg.  Lasker,  Miquel,  Frhr.  v.  Stauffenberg,
  Dr.  Friedenthal,  Herz,  v.  Bernuth,  Fürst  Hohenlohe-Schillingsfürst.
Unterstützt  ist  der  Antrag  von  noch  150  Abgeordneten  der  nationalliberalen,
der  Fortschritts-,  der  liberalen  Reichspartei,  der  conservativen  und  der  freiconservativen

  Fraction.  Außer  den  drei  als  Mitantragsteller  fungirenden
bayrischen  Abgeordneten  haben  noch  andere  bayr.  Abgeordnete  den  Antrag

unterzeichnet.
Der  Antrag  wird  ohne  besonders  bedeutsame  Debatte  und  ohne
Zählung  mit  einer  überaus  starken  Majorität  zum  Beschluß  erhoben.
Der  Schwerpunkt  der  Budgetberathung  liegt  augenblicklich  in  den
Sitzungen  der  von  den  6  Parteien  des  Reichstags  bestellten  14  Commissarien.
  Den  Vorsitz  führt  der  bayrische  Fürst  Hohenlohe.
10.  „  (Luxemburg.)  Landtag:  Die  einstimmig  angenommene  Antwortsadresse
  sagt  bez.  der  Eisenbahnfrage:

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