Full text : Europäischer Geschichtskalender. Siebzehnter Jahrgang. 1876. (17)

234  Dir  Gelerreichis--Anzarische  Monerchie.  (Jan.  12  17.)

daß  sie  für  das  neue  Geseh.  ihre  Stimme  nur  aus  dem  Grund  abgeben,  weil
sie  die  neue  Einrichtung  bloß  als  ein  Provisorium  ansehen,  dessen  Unhaltbarkeit
  bald  zu  Tage  treten  werde,  wo  man  dann  auf  den  richtigen  Weg
werde  einlenken  können.  Diesen  hat  aber  Frhr.  v.  Sennyey  in  einer  bemerkenswerthen
  Rede  vorgezeichnet  und  damit  im  Grunde  wohl  der  großen
Mehrheit  des  Hauses  aus  der  Seele  gesprochen:  er  wünscht  einen  von  der
Regierung  ernannten  Beamtenkörper,  der  das  Comitat  verwaltet  unter  Controle
  des  Municipalausschusses,  mit  klar  umschriebenem  Competenzkreise;  zum
Schutze  der  i  individuellen  Freiheit  gegen  die  Beamtenwillkür  beständen  eigene

richte.  So  werde  das  Comitat  gleich  dem  Lande  sein,  das  auch  eine  ernannte
  Executive,  die  Regierung,  und  eine  gewählte  Controle,  das  Parlament,
  besite.  Die  Mängel  der  Vorlage  kritisirt  Sennyey  sehr  scharf  und
zeigt,  wie  der  im  Ausschuß  sitzende  Beamte  seinen  eigentlichen  Amtspflichten
nicht  werde  nachkommen  können,  der  Beamte  außerhalb  desselben  wieder  5
bis  6  Vorgesetzte  und  daher  leicht  eine  Ausrede  haben  werde,  wenn  er  so
wenig  als  möglich  thut.  Sennyey  und  seine  Parteigenossen  machen  kein
Heil  daraus,  daß  sie  die  Bach'sche  Organisation,  wie  sie  in  den  fünfziger

ahren  bestanden,  zurückwünschen;  an  und  für  sich  sei  diese  gut  gewesen,
nur  gehaßt  und  hassenswerth.  weil  sie  im  antinationalen  Sinne  functionirte
und  dem  Absolutismus  zu  Dienst  gestanden

12.  Januar.  (Oesterreich.)  abg.  Haus  die  Forderungen
der  Ungarn  bez.  der  Bedingungen  einer  Erneuerung  des  Ausgleichs
zwischen  den  beiden  Reichshälften  von  1867,  so  viel  davon  verlautet,
haben  die  öffentliche  Meinung  in  Oesterreich  und  das  Abg.-Haus
in  große  Aufregung  versetzt.  Zunächst  die  Obmänner  der  drei  verfassungstreuen
  Fractionen  des  Abg.-Hauses  und  dann  diese  felbst
setzen  sich  mit  dem  Ministerium  in  Verbindung.  Dieses  erklärt  jedoch,
  daß  es,  so  lange  die  Verhandlungen  mit  dem  ungarischen  Ministerium
  schweben,  nicht  in  der  Lage  sei,  nähere  Aufklärung  zu  geben.
Die  Fractionen  berathen  daraufhin  unter  sich  über  die  Frage  einer
Interpellation,  der  Beantragung  von  Refolutionen  2c.  Darin  stimmt
Alles  überein,  daß  Oesterreich  sich  eine  wesentlich  noch  größere  Belastung
  gegenüber  Ungarn  nicht  gefallen  lassen  könne  und  nicht  gefallen
  lassen  werde,  und  das  Ministerium  Auersperg  scheint  damit
auch  ganz  einverstanden  zu  sein  und  daher  bereit,  mit  der  Verfassungspartei
  des  Reichsraths  in  steter  Fühlung  zu  bleiben,  um  für
alle  weiteren  Verhandlungen  mit  Ungarn  einen  festen  Rückhalt  zu
haben.

12.  Januar.  (Oesterreich.)  Weihbischof  Kutschker  wird  vom
Kaiser  an  die  Stelle  des  verstorbenen  Cardinals  Rauscher  zum  Erzbischof
  von  Wien  ernannt.

11.—17.  Jannar.  (Oester  reich.)  Herrenhaus:  Berathung
des  Klostergesetzes.  Dasselbe  wird  gegen  den  Widerstand  der  Minister
  mit  der  Bestimmung,  daß  zu  Errichtung  oder  Aufhebung  eines