Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.   (Mai  5.)  135

Die  intransigente  Zentrumspresse  greift  die  Unterzeichner  der
Adresse,  namentlich  den  früher  entschieden  ultramontanen  Grafen
Brühl  auf  das  heftigste  an.  Die  Adresse  scheint  auch  in  den  Kreisen
des  katholischen  und  protestantischen  freikonservativen  Adels  auf
Widerstand  gestoßen  zu  sein,  nachdem  schon  ein  früherer  Adreß-Entwurf
  Anstoß  erregt  hatte,  in  welchem  dem  Papste  außerdem  noch
für  sein  Eintreten  zu  Gunsten  des  Septennats,  also  die  Einmischung
in  Sachen  der  inneren  Politik,  freudig  begrüßt  worden  war.

Am  14.  Mai  bringt  die  „Post"  folgende  vom  Herzog  v.  Ratibor
  und  dem  Grafen  Brühl  unterzeichnete  Erklärung:

„Es  ist  in  verschiedenen  Blättern  von  einer  Adresse  die  Rede,  welche
von  einigen  katholischen  Mitgliedern  des  Herrenhauses  ausgehend  an  den
Papst  gerichtet  werden  sollte,  um  demselben  zu  danken,  daß  er  zur  Herstellung
des  Kirchenfriedens  in  wohlwollendster  Weise  seinen  Einfluß  geltend  gemacht
und  in  Uebereinstimmung  mit  der  Regierung  und  unter  Zustimmung  beider
Häuser  des  Landtags  die  noch  schwebenden  Differenzpunkte  so  glücklich  gelöst
habe.  Wir  waren  weit  entfernt,  zu  glauben,  daß  eine  derartige  Kundgebung
Gegenstand  gehässiger  Angriffe  werden  könnte,  ehe  noch  überhaupt  ein  bestimmter
  Entschluß  gefaßt  worden  und  die  Adresse  selbst  bekannt  gemacht
war.  Da  dieß  leider  aber  geschehen,  stehen  wir  von  unserem  Vorhaben  ab,
weil  wir  den  so  lange  entbehrten  Frieden,  den  wir  endlich  erreicht  zu  haben
glaubten,  nicht  aufs  neue  stören  und  dazu  wenigstens  unsererseits  keinen  Anlaß
  geben  wollten.  Die  gehässigen  Angriffe  einer  sich  katholisch  nennenden
Presse  würden  uns  daran  nicht  gehindert  haben,  denn  wir  fürchten  sie  nicht,
sind  sie  auch  schon  von  dieser  Seite  gewohnt  und  in  keiner  Weise  gewillt,
darauf  zu  antworten."

5.  Mai.  Reichstag:  Vorlegung  des  Branntweinsteuergesetzentwurfes.
  (Vgl.  13.—  17.  Juni.)

Bei  der  Abstimmung  über  die  Vorlage  im  Bundesrate  hatten
sich  Bayern,  Württemberg  und  Baden  unter  Berufung  auf  Artikel  7
und  35  der  Reichsverfassung  der  Abstimmung  enthalten,  jedoch  indem
  sie  unter  Erklärung  des  Einverständnisses  mit  den  grundlegenden
  §8  sich  vorbehielten,  je  nach  dem  Ergebnis  der  Verhandlungen
mit  dem  Reichstage,  die  vorgesehene  Zustimmung  zur  Ausdehnung
des  Gesetzes  auf  ihre  Staatsgebiete  zu  erteilen.

5.  Mai  bzw.  18.  Oktober.  Reichstag:  genehmigt  das  Gesetz
betr.  die  Errichtung  eines  Seminars  für  orientalische  Sprachen
  bei  der  Universität  Berlin  in  dritter  Lesung.

Das  Reich  trägt  die  eine  Hälfte  der  Kosten,  die  andere  Preußen.
Dieselben  betragen  zur  Einrichtung  40  000  M,  zur  jährlichen  Erhaltung
72000  M  Der  preußische  Landtag  hatte  schon  vorher  das  Gesetz  angenommen.

Die  feierliche  Eröffnung  des  Seminars  durch  den  Kultusminister
  und  den  Staatssekretär  des  Äußern  Grafen  Herbert  Bismarck
  findet  am  18.  Oktober  statt.