Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  dentsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.   (Mai  5.)  137

Ich  habe  die  amtlichen  Zahlen  vor  mir.  Im  Jahre  1861  betrug  der
Weizenpreis  221  M.  Der  höchste  Weizenpreis  betrug  1879  264  M,  der
niedrigste  1864  159  M.  Nach  der  Einführung  der  Zölle  im  Jahre  1879
stieg  der  Preis  im  Hahre  1880  auf  219  ,  1881  auf  220  M;  im  Jahre
1882  begann  er  zu  sinken  auf  208 M,  1883  auf  185 M.  1884  auf  173 M,
1885,  im  Jahre  der  Zollerhöhung,  auf  162  M,  (Hört!  hört!  rechts),  1886
weiter  auf  157 M.  Dem  gegenüber  steht  unbestritten  fest,  daß  die  Einführung
  der  Zölle  eine  Verteuerung  der  wichtigsten  Nahrungsmittel  nicht  herbeigeführt
  hat.  Der  Roggenpreis  bietet  nicht  so  große  Schwankungen  dar,
weil  der  Kreis  der  Roggenbau  treibenden  Länder  sich  nicht  erweitert  hat,
während  wir  von  den  Weizenbau  treibenden  Ländern  in  Amerika  und  Indien
  eine  Konkurrenz  bekommen  haben.  In  dieser  Beziehung  sind  lesenswert
die  Zahlen,  welche  Dr.  Franke  in  seinem  Buche  „Acht  Jahre  deutschen  Getreidehandels"
  gegeben  hat.  Darnach  ist  die  Weizenausfuhr  aus  Indien  in
den  Jahren  1881  bis  1885  von  7  auf  15  Millionen  Zentner  gestiegen.  Der
Roggenpreis  betrug  im  Jahre  1861  154  M  und  erreichte  1881  mit  202  M
den  höchsten  Stand.  1878  betrug  er  143 M,  stieg  1879,  nach  Einführung
der  Zölle,  auf  144  M,  1880  auf  193  M,  1881  auf  202  M,  und  sank  dann
1882  auf  161,  1883  und  1884  auf  147,  1885  auf  143,  1886  auf  134 M,
(Hört!  rechts),  nach  den  März-Durchschnittspreisen  des  Berliner  Marktes
dieses  Jahres  auf  127  M  (Hört!  hört!  rechts.)  Das  Weizenmehl  Nr.  1
kostete  im  Jahre  1876  per  Kilogramm  40  Pf.  1885  32  Pf.,  1886  30  Pf.;
Roggenmehl  per  Kilogramm  im  Jahre  1876  31  Pf.,  im  Jahre  1886  Pf.  
Derselbe  Preisrückgang  macht  sich  bemerkbar  bei  den  übrigen  Verbrauchsgegenständen,
  wie  Java-Reis,  Kaffee  und  Schweineschmalz.  Wenn  nun  die
Produktionskosten  zum  Teil  dieselben  geblieben  sind,  so  müssen  die  Reinerträge
  unserer  Landwirtschaft  in  demselben  Maße  gesunken  sein.  Der  Bericht
  des  Zentralvereins  für  Westpreußen  für  das  Jahr  1885  konstatiert,
daß  die  Preise  nach  der  Danziger  und  Königsberger  Notierung  im  Jahre
1881  für  Weizen  auf  209 M.  1885  auf  141   M,  für  Roggen  1881  auf  184,
1885  auf  129  M,  für  Spiritus  1881  auf  55,70  M,  1885  auf  40,23  M,
für  Wolle  1881  auf  156,  1885  auf  115  M  sanken.  Auch  der  Westen,  speziell
Schleswig-Holstein,  hat  unter  diesem  Preisdruck  zu  leiden.  1882  kostete  der
Zentner  Butter  128  M,  1883  119  M,  1884  114  M,  1885  109 M,  1886
102  M.  Daß  man  seit  einigen  Jahren  lebhaft  dafür  thätig  ist,  die  Butterpreise
  vor  einer  unreellen  und  unanständigen  Konkurrenz  zu  schützen,  ist  ein
berechtigtes  Bestreben  (Beifall  rechts),  und  in  dieser  Beziehung  verdienen  die
Bemühungen  der  verbündeten  Regierungen  die  Zustimmung  des  Reichstages.
Nun  ist  ja  allerdings  nicht  zu  verkennen,  daß  dem  Landwirte  auch  die  niedrigeren
  Preise  von  Maschinen,  Geräten,  künstlichem  Dünger  etc.  zu  Gute
kommen;  ein  weiterer  günstiger  Umstand  ist  die  Herabsetzung  des  Zinsfußes
von  5  auf  3½  Prozent.  Trotzdem  aber  darf  man  das  Fazit  ziehen,  daß
die  Reineinnahmen  aus  der  Landwirtschaft  um  etwa  25  Prozent  zurückgegangen
  sind  infolge  der  allgemeinen  wirtschaftlichen  Lage  der  letzten  Jahre.
Dieser  Rückgang  ist  naturgemäß  genügend,  um  die  über  ¾  ihres  Besitzes
verschuldeten  Landwirte  vollständig  über  Bord  zu  werfen,  und  ich  fürchte,
daß  nach  der  Richtung  auch  keine  Staatshilfe  und  auch  nicht  eine  veränderte
Zollpolitik  die  Existenzen,  welche  an  der  Grenze  dieser  Verschuldung  stehen,
retten  können.  (Hört!  hört!  links.)  Wohl  aber  ist  es  eine  Aufgabe  der
Staatsregierung,  und  muß  es  als  solche  betrachtet  werden,  diejenigen,  welche
existenzfähig  sind,  nach  Möglichkeit  durch  ihre  Wirtschafts-  und  Zollpolitik
zu  schüfen  (Sehr  gut!  rechts),  und  dazu  ist  die  kgl.  Staatsregierung  auch
fest  entschlossen.  (Beifall  rechts.)  Hr.  v.  Minnigerode  hat  einer  erheblichen
Steigerung  der  Viehzölle  eine  große  Bedeutung  zugesprochen.  Ich  teile  diese