Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

138  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Mai  5.—6.)

Anschauung  nicht.  Unser  Export  ist  im  wesentlichen  wahrscheinlich  im  Werte
höher  als  der  Import.  Die  Pferde-Einfuhr  betrug  in  den  Jahren  1880—
1885  54,000—76,000  Stück  bei  einem  Werte  von  49—63  Millionen  Mark.
Der  Wert  dieser  Einfuhr  ist  wahrscheinlich  zu  hoch  geschätzt.  Nach  meiner
persönlichen  Kenntnis  werden  an  der  Ostgrenze  fast  durchweg  minderwertige
Pferde  zu  10  bis  50  Thalern  importiert.  Der  amtliche  Durchschnittspreis
von  1000  M  pro  Pferd  aus  dem  Jahre  1880  scheint  mir  also  zu  hoch  gegriffen
  zu  sein.  Unser  Export  betrug  in  demselben  Zeitraum  15,000  bis
19,000  Pferde  per  Jahr  mit  einem  Werte  von  18  bis  24  Millionen  Mark.
In  Bezug  auf  Pferde  würde  eine  Zollerhöhung  von  sehr  geringer  praktischer
Bedeutung  sein.  Gegen  den  Import  von  Rindvieh  sind  unsere  Grenzen  gegen
Oesterreich  und  Rußland  seit  Jahren  gesperrt.  Der  Import  aus  dem  Westen,
der  Schweiz,  von  Holland  u.  s.  w.  belief  sich  in  den  letzten  fünf  Jahren
auf  102,000  bis  217,000  Stück  mit  einem  Werte  von  53  Millionen  Mark.
Dieser  Import  ist  bei  einem  Viehbestande  von  15,786,000  Stück  nach  der
Viehzählung  von  1883  nicht  der  Rede  wert  und  bedeutet  nicht  mehr  als
eine  Auffrischung  des  Blutes  unserer  Landrassen,  deren  sie  dringend  bedürfen.
Abgesehen  von  Schleswig-Holstein  und  Ostfriesland,  gibt  es  kaum  einen
eingebornen  Viehschlag,  der  nicht  einer  Veredelung  durch  fremdes  Blut  bedürfte.
  Daß  die  Züchter  eine  Zollerhöhung  tragen  könnten,  gebe  ich  zu;  ich
glaube  aber  nicht,  daß  sie  praktisch  von  irgend  einer  Bedeutung  sein  würde.
Die  einzige  Viehgattung,  wo  der  Import  von  einiger  Bedeutung  ist,  sind  die
Schweine.  Aber  auch  hier  ist  seit  1882  ein  erhebliches  Sinken  der  Einfuhr,
ob  infolge  der  veterinärpolizeilichen  Vorschriften  oder  der  Zollerhöhung,
bleibe  dahingestellt,  eingetreten.  Der  Schafvieh--Import  ist  gleich  Null  geworden.
  Ich  schließe  mit  derselben  Bemerkung,  mit  der  ich  begonnen  habe.
Die  staatlichen  Maßnahmen,  die  nützlich  sind,  werden  seitens  der  Staatsregierung
  ergriffen  werden.  Aber  jede,  auch  die  weitgehendste  Staatshilfe
wird  nie  die  Selbsthilfe,  die  eigene  Bestrebung  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung,
  billig,  sparsam  zu  wirtschaften  und  zu  produzieren,  überflüssig
machen.  Die  königliche  Staatsregierung  ist  entschlossen,  alles  zu  thun,  was
an  ihr  liegt,  um  der  landwirtschaftlichen  Bevölkerung  über  die  schwierige
Krisis  hinwegzuhelfen.  Die  Regierung  bedarf  aber  zur  Lösung  dieser  Ausgabe
  unbedingt  der  Mitwirkung  der  gesetzgebenden  Körperschaften,  und  namentlich
  auch  des  Reichstages;  daß  uns  diese  Mitwirkung  nicht  fehlen  möge  —
diese  Hoffnung  wage  ich  auszusprechen.  (Lebhafter  Beifall  rechts.)

5.—6.  bzw.  20.  Mai.  (Nachtragsetat,  Reichsanleihe.)
Reichstag:  2.  und  3.  Beratung  des  Nachtragsetats  für  Heereszwecke
und  des  damit  in  Verbindung  stehenden  Anleihegesetzes.

Der  Nachtragsetat  bezweckt  die  Deckung  des  durch  die  Heeresvermehrung
  entstandenen  Mehrerfordernisses,  ferner  einer  bisher  geheim  gehaltenen
Steigerung  der  Schlagfähigkeit  des  Heeres  und  des  Verteidigungszustandes
der  Festungen,  worüber  auch  nur  einem  Ausschusse  der  Kommission  vertrauliche
  nähere  Angaben  gemacht  werden,  endlich  der  Kosten  für  den  Ausbau
des  deutschen  Eisenbahnnetzes  im  Interesse  der  Landesverteidigung.

Die  geforderte  Gesamtsumme  ist  176.085,950 M,  davon  19.  408,019  M  an
fortlaufenden,  156.677,931 M  an  einmaligen  Ausgaben,  von  denen  auf  Bayern
1.439,240  bezw.  9.280,342 M  entfallen.  Die  dauernden  Ausgaben  sind  zur
Unterhaltung  der  neuaufgestellten  Truppen  bestimmt;  die  Aufstellung,  Ausrüstung,
Bekleidung  und  Unterbringung  dieser  erfordert  an  einmaligen  Ausgaben  für
Preußen  17.298,967  M  hierzu  im  außerordentlichen  Nachtragsetat  an  Ka-Sachsen.
  2.371,  677 M  sernenbauten  für  Elsaß-Lothringen  5.743,960 M
Württemberg  360,223 M  Allenstein  i.  Preußen  500,000M.