Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  Anfang.)  147

Gewissensdruck,  wo  nicht  die  evangelischen  Gatten  auf  seine  Seite  heranzuziehen,
  so  doch  die  Kinder  ausschließlich  für  sich  zu  gewinnen.  Eben  deshalb
  nehmen  diese  Ehen  auch  die  gespannteste  Aufmerksamkeit  der  evangelischen
  Kirche  in  Anspruch,  und  dem  hier  geschäftigen  Bekehrungseifer  mit
aller  Macht  entgegenzuwirken,  bedeutet  für  sie  auf  manchen  Punkten  bereits
den  Kampf  der  Selbsterhaltung.“  Nachdem  dies  dann  im  einzelnen  weiter
ausgeführt  ist,  schließt  das  Schriftstück:  „Die  evangelische  Kirche  steht  gegenwärtig
  wieder  an  der  Schwelle  einer  Zeit,  wo  sie  Ursache  hat,  mit  ungeteilter
  Kraft  für  ihr  schriftgemäßes  Bekenntnis  und  für  ihre  Weltstellung
gegen  die  Eroberungslust  des  Romanismus  einzutreten.  Die  strengste  Aufmerksamkeit
  erfordern  die  gemischten  Ehen,  und  wir  können  die  unserer  Aufsicht
  unterstellten  Geistlichen,  Gemeindekirchenräte  und  Gemeinden  nicht  genug
bitten,  diese  Ehen  stets  im  Auge  zu  behalten,  um,  wo  es  notthut,  rechtzeitig
seelsorgerisch  einzugreifen  und  unsere  evangelische  Kirche  vor  fortgehenden
schmerzlichen  Verlusten  zu  bewahren.“

Anfang  Juni.  (Preußen:  Evangelische  Kirche.)  Eine
große  Anzahl  evangelischer,  meist  in  kirchlichen  Aemtern  und  Gemeindevertretungen
  stehender  Männer  aus  Berlin  und  den  Provinzen
  von  der  Richtung  des  Protestantenvereines,  beschließen,  zu  den
Erklärungen  der  landeskirchlichen  Versammlung  vom  26.  April,  betr.
die  Anträge  Kleist--Hammerstein,  dem  Ministerium  und  dem  Oberkirchenrate
  ein  Memorandum  zu  übergeben.

Sie  bezeichnen  jene  Forderungen  der  landeskirchlichen  Versammlung
als  den  Ausdruck  nur  einer  Parteirichtung  in  der  Kirche  und  stimmen  denselben
  nur  darin  zu,  daß  auch  sie  die  Gewährung  reicherer  Staatsmittel  für
arme  evangelische  Gemeinden  befürwortet,  in  dem  prinzipiell  entscheidenden
Punkte  aber,  der  Stellung  der  evangelischen  Kirche  gegenüber  dem  Staate
und  den  Aufgaben  der  Zeit,  spricht  sich  die  Erklärung  aus  wie  folgt:  Der
wahre  Grund,  weshalb  die  evangelische  Kirche  in  Deutschland  nicht  zu  der
ihr  gebührenden  Bedeutung  im  deutschen  Volke  gelangen  kann,  ist  darin  gelegen,
  daß  in  dieser  Kirche  selbst  die  Grundlage,  auf  welche  die  Reformation
sich gestellt    hat  —  das  Verhältnis  freier  persönlicher  Rechtfertigung  durch

den  Glauben  —  verdunkelt  ist  durch  Bestrebungen,  welche  die  Bekenntnisschriften
  der  Reformationszeit  zur  Rechtsgrundlage  für  die  Kirche  machen  und
dadurch  —  wie  in  der  römisch-katholischen  Kirche  geschehen  —  statt  des  Glaubens
  wieder  die  Rechtsverfassung  der  Kirche  als  zum  Wesen  derselben  gehörig
feststellen  wollen.  Nicht  bei  der  Verfassungsordnung,  sondern  bei  dem  inneren
  Leben  der  evangelischen  Kirche  haben  daher  die  Bestrebungen  für  die
Befreiung  derselben  einzusetzen.  Vornehmlich  sind  die  Bemühungen  darauf
zu  richten,  alle  diejenigen  Hemmnisse  zu  beseitigen,  welche  —  weit  mehr  aus
der  Gesinnung  und  Verwaltungspraxis,  als  aus  der  Rechtsstellung  der  zeitigen
  verfassungsmäßigen  Kirchenorgane  erwachsend  —  sich  auf  Schritt  und
Tritt  der  freien  Entfaltung  der  reichen  Mannigfaltigkeit  des  christlichen  Gemeindelebens
  in  der  evangelischen  Kirche  entgegenstellen.  Die  Einheit  der
evangelischen  Kirche  ist  weniger  in  der  rechtlichen  Zusammenfassung    als  in

 

der  aus  dem  Glauben  erwachsenden  christlich-brüderlichen  Gesinnung  aller
ihrer  Glieder  und  Organe  gegeneinander  zu  suchen  und  zu  finden.

1.  Juni.  (Sklavenküste.)  Die  Uebereinkunft  mit  Frankreich
  über  die  Einführung  eines  einheitlichen  Zollsystems  in  den
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