Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

258  NVie  Gesterreichisch-Augarische  Moenarchie.  (November  14.  bzw.  17.)

europäische  Friede  überhaupt  eher  gesichert  sein  wird.  Daß  dieses  mit
Italien  geschlossene  Bündnis  in  Ungarn  über  die  politischen  Gesichtspunkte
hinaus  auch  noch  eine  tiefere  Wirkung  ausübt,  kann  nicht  geleugnet  werden,
und  ich  wäre  der  Letzte,  der  sich  dieser  Wirkung  entziehen  wollte.  Denn  ich
kann  die  politische  Wichtigkeit  dieses  Ereignisses  nicht  nur  nicht  ignorieren,
sondern  n  billige  in  vollem  Maße  dieselbe,  wie  ich  auch  sehr  gerne  jene
Fäden  aufsuche,  welche  diese  beiden  Nationen  in  der  Vergangenheit  verbunden
  nicht  nur  in  politischer,  sondern  auch  in  kultureller  Beziehung.  Unsere
Geschichte  ist  mehr  als  einmal  mit  der  Italiens  parallel  gelaufen,  und,
was,  ich  hervorheben  will,  die  Katholiken  Ungarns  verehren  im  römischen
Papste,  in  diesem  Sohne  der  italienischen  Nation,  das  Haupt  ihrer  Kirche,
und  diese  Nation  war  es,  die  den  Katholiken  die  größten  Päpste  gegeben
hat.  Ungarn  hat  Rom  viel  zu  verdanken,  vom  kulturellen  Stanpunkte  aber
hat  es  mehr  als  einmal  in  Italien  seine  Meister  und  Lehrer  gesucht.  Eben
deßhalb  kann  ich  die  Ideen  derjenigen  sehr  gut  verstehen,  die  ein  Bündnis
mit  Italien  mit  vollen  Sympathien  begrüßen,  aber  auch  mich  werden  Sie
verstehen,  wenn  ich  die  heilige  Pflicht  meines  Gewissens  erfülle,  indem  ich,
um  einem  Mißverständnisse  vorzubeugen,  das  Wort  erhebe,  welchem  Mißverständnisse
  ich  mich  dann  aussetzen  würde,  wenn  ich  den  auf  das  Bündnis
mit  Italien  bezüglichen,  in  allgemeinen  Worten  gehaltenen  Ausdruck  meinerseits
  mit  allen  eventuellen  Erklärungen  acceptieren  würde.  Ich  hätte  es
nicht  gern,  ja  ich  würde  es  sogar  nicht  gestatten,  daß,  indem  ich  mit  meiner
Stimme  dem  Ausschußberichte  beipflichte,  diesem  meinem  Votum  die  Bedeutung
  gegeben  werde,  als  wenn  ich  mit  dem  Ausdrucke  der  Sympathie  Italien
  gegenüber  stillschweigend  auch  all  das  gutheißen  würde,  was  in  Italien
seit  beinahe  zwei  Jahrzehnten  geschieht  und  wodurch  derjenige,  den  ich  als
das  Haupt  meiner  Kirche  betrachte,  tief  gekränkt  und  getrofen  wird.  Ich
weiß,  diese  Frage  ist  heute  nicht  auf  der  Tagesordnung,  und  deßhalb  lasse
ich  mich  in  die  Auseinandersetzung  derselben  jetzt  nicht  ein,  aber  ich  wünsche
innigst,  und  es  sei  mir  gestattet,  auch  der  Hoffnung  Ausdruck  zu  geben,  daß
diese  Frage  eine  Lösung  finden  werde,  welche  das  Bündnis  mit  Italien  nicht
nur  kräftiger,  sondern  auch  in  bedeutendem  Maße  gesuchter  und  gefesteter
machen  kann.  Dante,  der  bisher  unvergeßliche  Dichter  Italiens,  hat  mit
prophetischem  Geiste  in  dem  Kampfe  der  Welfen  und  Ghibellinen  die  zukünftige
  Einheit  und  Größe  Italiens  gesehen;  er  sah  aber  diese  Einheit  und
Größe  mit  den  zwei  Weltmächten,  dem  Papsttum  und  dem  Kaisertum,  vereint,
  und  das  heutige,  sowie  das  zukünftige  Italien  kann  die  größte  moralische
  Macht  dieser  Erde  nicht  aus  seiner  Berechnung  weglassen,  jene  Macht,
deren  Träger  in  dem  Genusse  seiner  Unabhängigkeit  und  seiner  Freiheit  als
treuer  Verbündeter  ein  mächtiger  Faktor  der  zukünftigen  Größe  Italiens,
dessen  schönste  Zierde,  größte  Gewähr  und  edelster  Stolz  wäre.  Das  Gewicht
der  moralischen  Macht  kann  eine  wirkliche  Größe  verleihen,  und  die  italienische
  Nation  wird  schließlich  zur  Erkenntnis  dessen  gelangen,  daß  ihre
Großmachtstellung  einen  unberechenbaren  Kraftzuwachs  erhalten  würde,  wenn
sie  mit  jener  moralischen  Weltmacht  in  eine  engere  Verbindung  treten  würde,
welche  Macht  neben  ihrer  besonderen  Stellung  dennoch  Fleisch  aus  ihrem
Fleische,  Blut  aus  ihrem  Blute  ist.  Ich  aber  habe  geglaubt  eine  edle
Pflicht  zu  erfüllen,  indem  ich,  das  Vorgehen  unserer  äuscken  Politik  vollständig
  billigend  und  begrüßend,  den  Ausschußbericht  acceptiere,  dennoch  die
Treue  zu  meiner  Kirche  und  die  Achtung  Italien  gegenüber  verbindend,
meiner  Ueberzeugung  und  meiner  Ansicht  offen  Ausdruck  verleihe.  (Zustimmung.)

Auch  in  der  österreichischen  Delegation  drückt  im  Laufe  der
Debatte  über  das  Budget  des  Aeußern  Abt  Hauswirth  unter