Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Italien.  (November  17.)  383

verdanke,  und  dadurch,  daß  König  und  Volk  vereint  auf  dem  Wege  der  Freiheit
bleiben,  konnten  Italien  für  immer  die  Sympathien  der  Völker  und  die
Gunst  des  Geschickes  erhalten  werden.

Auch  bei  der  Rückkehr  der  königl.  Familie  nach  dem  Quirinal
werden  derselben  neue  Huldigungen  der  Menge  dargebracht.

Bei  der  Präsidentenwahl  wird  Biancheri  mit  268  von  303
Stimmen  in  der  zweiten  Kammer  wiedergewählt;  im  Senat  wird
Farini  Präfident.

Die  Thronrede  wird  von  beiden  Kammern  mit  zustimmenden
Adressen  beantwortet.

17.  November.  Versuch  der  Bildung  einer  festen  Kammermehrheit.
  Crispi  lädt  alle  „Freunde  des  Ministeriums“  in  der
Kammer  zu  einer  Besprechung  in  den  roten  Saal  des  Parlaments
ein,  etwa  die  Hälfte  der  anwesenden  Deputierten  leistet  Folge,  unter
ihnen  auch  Radikale,  als  deren  Obmann  Fortis  erscheint.  Alle
Minister  außer  dem  des  Krieges  find  zugegen.

Crispi  nimmt  das  Wort,  um  zunächst  zu  versichern,  daß  sein  Ministerium
  ein  streng  parlamentarisches  sein  und  nicht  das  Geringste  ohne  Wissen
und  Zustimmung  der  Volksvertretung  thun  werde.  Das  Kabinet  werde  an
seinem  Platze  bleiben,  solange  es  sich  durch  die  Kammer  unterstützt  sehe;  es
werde  abtreten,  sobald  ihm  die  Unterstützung  zu  fehlen  drohe.  Das  Regierungsprogramm
  sei  in  der  Thronrede  enthalten,  soweit  es  die  Arbeiten
dieser  Session  betreffe.  Dieselbe  solle  eine  kurze  Dauer  haben,  weil  kurze
Sessionen  wirkungsvoller  seien.  Der  Ministerpräsident  erbitte  demnach  die
Beihilfe  aller,  welche  das  aufgestellte  Programm  zu  dem  ihrigen  machen
(genau  wie  Depretis).  Er  fügt  hinzu,  die  dringlichsten  Aufgaben  seien  die
finanziellen  und  die  Lösung  der  Eisenbahnfrage.  Es  müsse  dahin  gearbeitet
werden,  das  finanzielle  Gleichgewicht  mit  den  berechtigten  Erwartungen  des
Landes  bezüglich  neuer  Eisenbahnbauten  auszusöhnen.  Crispi  schlägt  vor,
mit  der  Bezeichnung  der  Kandidaten  für  die  verschiedenen  Permanenz-Ausschüsse
  eine  Kommission  zu  betrauen,  und  spricht  den  Wunsch  aus,  daß  der
Generalbudget-Ausschuß  alle  Finanzkoryphäen  des  Parlaments  vereinige.

Hierauf  erklärt  Fortis:  „Wir  bilden  keine  verneinende  Partei;  wir
wünschen  mit  den  übrigen  Parteien  zum  Wohle  des  Landes  zu  wirken;  aber
wir  wollen  eine  Regierung,  welche  uns  gebührend  Rechnung  trägt.  Wir
verlangen  Vertretung  in  den  Kommissionen,  besonders  in  der  Budget=  und
der  Petitionskommission.  Wir  hoffen,  die  Regierung  werde  die  seit  lange  ersehnten
  politischen  Reformen  endlich  durchführen.  Das  Ministerium  schmeichle
sich  nicht  damit,  daß  alle  heute  abend  hier  Anwesenden  seine  Freunde  seien.
Eine  Scheidung  der  Parteien  muß  kommen.  Es  ist  also  das  beste,  sie  sofort
herbeizuführen.  Möge  das  Ministerium  seine  Absichten  klar  aussprechen.“

Crispi  entgegnet:  Seine  Vergangenheit  und  seine  Ueberzeugungen,
redeten  deutlich  genug.  Er  wünschte  nichts  besseres  als  die  Verwirklichung
der  Reformen,  denen  er  seit  40  Jahren  nachstrebe;  aber  es  müsse  den
Umständen  Rechnung  getragen  werden.  Reformen  müssen  dann  ins  Werk
esetzt  werden,  wenn  sie  im  Bewußtsein  des  Landes  hinreichend  herangereift
seien.  Alle  Abgeordneten  haben  gleiche  Rechte  und  Ansprüche;  niemand  werde
ausgeschlossen  oder  beiseite  gesetzt.  Er,  Redner,  liebe  die  Freiheit  als  eine
Sonne,  deren  Strahlen  gute  Früchte  zeitige.