Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierter Jahrgang. 1888. (29)

196  Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Dezember  14.)

mit  Freuden;  die  national-liberale  Partei  trete  geschlossen  für  denselben  ein.
Aber  auch  die  wirtschaftliche  Seite  der  Frage  sei  wohl  zu  erwägen.  England
  habe  für  Unterdrückung  des  Sklavenhandels  bis  jetzt  bereits  Hunderte
von  Millionen  geopfert.  Wenn  die  Opfer,  die  England  gebracht,  auch  sehr
erheblich  seien,  so  habe  es  noch  viel  größere  Vorteile  für  seinen  Handel  und
für  seine  Herrschaft  dadurch  gewonnen.  Was  die  Aufhebung  der  Sklaverei
überhaupt  betreffe,  so  müsse  er  dem  Irrtum  entgegentreten,  als  ob  der  freie
Neger  nicht  fähig  sei,  zu  arbeiten.  Die  gegenteilige  Erfahrung  habe  man
in  Amerika  gemacht.  Auch  an  der  Westküste  Afrikas  seien  die  Neger  für
die  Kultur  gewonnen.  Es  gelte  nun,  die  große  Arbeitskraft,  welche  noch  im
Innern  Afrikas  schlummere,  zu  gewinnen  und  für  die  europäische  Kultur
dienstbar  zu  machen.  Dieses  Moment  sei  neben  den  rein  humanen  Bestrebungen
  des  Antrages  Windthorst  in  Betracht  zu  ziehen.  Deutschland,  welches
  unter  den  Nationen  Europas  den  ersten  Rang  einnehme,  müsse  auch  in
dieser  Frage  vorangehen.  Abg.  v.  Helldorf  (konservativ)  äußert  sich  in  demselben
  Sinne.

Staatssekretär  des  Auswärtigen  Amts,  Graf  Herbert  Bismarck,
welcher  seinen  Vater,  den  Reichskanzler,  vertrat,  spricht  seine  besondere  Befriedigung
  aus  sowohl  über  den  Antrag  Windthorst,  als  auch  über  die
sympathische  Aufnahme,  welche  er  im  Hause  gefunden.  „Die  Lage  der  Dinge
ist  Ihnen  in  den  Depeschen  des  „Weißbuches“  klar  gelegt.  Seitdem  hat  sich
nichts  Wesentliches  geändert.  Portugal  ist  unserer  Vereinigung  faktisch  hinzugetreten
  (Beifall)  und  bereit,  die  Küste  von  Mozambique  in  einer  Ausdehnung
  von  2½  Breitengraden  zu  blockieren.  Wo  die  ostafrikanische  Gesellschaft
  ihre  so  umfassende  Aufgabe  mit  ihren  im  Verhältnis  zu  der
Kulturmission  geringen  Mitteln  zu  erreichen  gesucht  hat,  sind  die  Hindernisse
noch  gesteigert  worden  durch  die  Reaktion  der  arabischen  Sklavenhändler,  die
sich  in  ihrem  grausamen  Geschäfte  bedroht  sehen.  Die  Scheichs,  wie  sich  die
Führer  dieser  Banden  nennen,  die  unter  der  Herrschaft  des  Sultans  von
Sansibar  stehen,  haben  sich  gegen  diesen  empört  und  manchen  in  jenen  Gegenden
  ansäßigen  Reichsangehörigen  an  Leben  und  Eigentum  geschädigt.  Der
Unterstützung  Englands,  das  stets  an  der  Spitze  der  Bewegung  gegen  die
Sklaverei  gestanden  hat,  sind  wir  dabei  gewiß;  auf  sie  können  wir  rückhaltlos
  rechnen.  Wir  haben  mit  der  englischen  Regierung  eine  vertrauliche
und  eingehende  Beratung  gepflogen,  und  ich  kann  nur  sagen,  daß  sie  uns
das  dankenswerteste  Entgegenkommen  gezeigt  hat.  Wir  haben  keinen  Anlaß,
zu  zweifeln,  daß  dies  auch  ferner  der  Fall  sein  wird.  Von  Wichtigkeit  erscheint
  es  für  diese  ganze  Angelegenheit,  daß  wir  uns  durch  den  Vertrag
von  1885  mit  England  in  Bezug  auf  die  ostafrikanische  Küste  sozusagen
verheiratet  haben.  England  wird  uns  mit  seinem  Unternehmungsgeiste  und
gewaltigen  Kapital  zur  Seite  stehen  und  uns  jetzt  behilflich  sein,  um  der
Sklavenjagd  nachhaltend  und  wirksam  entgegen  zu  treten.  So  lange  die
Greuel  des  Sklavenhandels  mit  allen  ihren  Nachteilen  bestehen,  so  lange  ist
es  auch  nicht  möglich,  daß  Afrika  der  Gesittung,  dem  Christentum  und  der
Kultur  erschlossen  wird.  In  diesen  drei  Worten  läßt  sich  auch  das  Ziel
des  Herrn  Antragstellers  zusammenfassen.  Diesen  seinen  Wunsch  teilen  wir
mit  vollem  Herzen.  Als  bestes  Mittel,  den  Sklavenhandel  zu  unterdrücken,
hat  sich  die  Seeblockade  ergeben.  Es  ist  eine  beträchtliche  Zahl  von  Schiffen
jetzt  an  der  ostafrikanischen  Küste  stationiert,  zu  unseren  Fahrzeugen  hat  England
  fünf  und  Portugal  auch  einige  gestellt.  Sie  werden  mit  Befriedigung
die  Veröffentlichungen  über  die  Engagements  unserer  Marine  gelesen  haben,
welche  das  beste  Zeugnis  für  die  Reise  und  Klarheit  der  Dispositionen  und
die  vorzügliche  Oberleitung  ablegen.  Wir  haben  bis  jetzt  das  Glück  gehabt,
verschiedene  Sklavenschiffe  aufzubringen.  Was  mit  den  befreiten  Leuten  ge-