64 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 19.)
M. H. Es dürfte angezeigt sein, daß der Reichstag diese Allerhöchste
Botschaft, welche wir soeben vernommen haben, in einer Adresse beantworte.
Ich erlaube mir, die Bitte an Sie zu richten, mich zu beauftragen, Ihnen
morgen den Entwurf zu einer solchen Adresse zur Beschlußfassung vorzulegen.
Ich kann feststellen, daß der Reichstag mit diesem meinem Vorschlage
sich einstimmig einverstanden erklärt hat. In der Gewißheit, daß der Reichstag
sein Interesse dahin legen werde, sobald als möglich Seiner Majestät
dem Kaiser und der Kaiserlichen Familie die Gefühle der Trauer und Hingebung,
welche den Reichstag erfüllen, auszusprechen, hat das Präsidium des
Reichstages bei Ihren Majestäten und den Kaiserlichen Hoheiten Audienzen
erbeten, um die Gefühle des Reichstages zu übermitteln. Es ist uns in
Aussicht gestellt, daß uns dieselbe demnächst bewilligt werde, unter obwaltenden
Umständen war dies bisher nicht möglich, — für heute geben wir dem
Gefühle der Anhänglichkeit Ausdruck durch den Ruf: „Seine Majestät der
Kaiser von Deutschland Friedrich, König von Preußen lebe hoch! hoch! hoch!
(Dreimaliger begeisterter Beifall). — Wir gedenken hiernach dankbar der
kundgegebenen Teilnahme außerdeutscher Parlamente an dem Geschick unserer
Nation, die sich aufs wärmste bei diesem Trauerfalle betätigte: sie sind
Aussprache und Zeichen der Verehrung für den dahingeschiedenen Monarchen!
(Lebhafter Beifall.) Der Reichstag dankt dafür im Namen der deutschen
Nation! (Beifall.) Die erhabene Gestalt des Kaisers wird über das Grab
hinaus zur Einigkeit in dem Frieden unter den Völkern beitragen!
Reichskanzler Fürst von Bismarck: Meine Herren, es wird mir zur
großen Genugtuung gereichen, wenn ich mich als von Ihnen beauftragt
betrachten darf, denjenigen fremden Regierungen, deren Volksvertretungen ihre
Sympathie, ihr Beileid, ihre Teilnahme bei der Trauer, die uns betroffen
hat, kundgegeben haben, den Dank des deutschen Reichstages zu übermitteln.
(Bravol) Ich weiß nicht, ob ich Ihre Zeit damit in Anspruch nehmen darf,
Ihnen obiter anzudeuten, wie ausgedehnt die Beteiligung allein in dieser
Richtung gewesen ist. Ich spreche nicht davon, daß die Deutschen, unsere
Landsleute, die sich ja auf jedem, selbst dem wenigst ausgedehnten Teile des
Festlandes und der Inseln rund und um das Weltall angesiedelt haben — ich
glaube, ohne Ausnahme — hierher ihre Sympathien telegraphiert haben mit
einer Schnelligkeit, die in früheren Zeiten gar nicht möglich war. Die zuletzt
eingetroffene ist die der Deutschen in Korea. Es sind aber auch aus
allen fünf Weltteilen, aus den kleinsten Inseln, aus Ortschaften, die ich, obschon
ich glaube in der Geographie so bewandert zu sein, wie mein Amt es
mit sich bringt, doch mir habe aufsuchen müssen, rührende Beweise der Teilnahme
eingegangen, zum Teil nur in Worten, zum Teil auch zugleich mit
dem Bedürfnis von der andern Hemisphäre von den Antipoden, daß ihre
Sympathien durch hier zu beschaffende Kränze und Palmen auf dem Sarge
zum Ausdruck gebracht werden sollten. Etwas in der Geschichte schwerlich
Dagewesenes ist die Teilnahme an dem Todesfalle eines Monarchen in dieser
Ausdehnung. Es sind ja große Männer vorher gestorben, und wenn Napoleon
I., wenn Peter der Große, wenn Ludwig XIV. aus diesem Leben
schieden, so hat das gewiß in weiten Kreisen einen Wellenschlag gemacht;
daß aber von den Antipoden und von den benachbarten Völkern Kränze und
Palmen auf das Grab des verstorbenen Monarchen gebracht worden sind,
das ist eine in der Geschichte noch nicht dagewesene Tatsache: so hochgefürstet
ist noch kein Monarch gewesen, daß alle Völker der Erde, ohne Ausnahme,
ihm beim Hintritt ihre Sympathie, ihre Teilnahme, ihre Trauer am Sarge
zu erkennen gegeben haben. (Bravol) Was nun meinen speziellen Auftrag,
den ich von Ihnen übernehme, betrifft, so kann sich der ja nicht an alle