Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfter Jahrgang. 1889. (30)

396  Nebersicht  der  politischen  Eutwickeluns  des  Jahres  1889.

dankte  ab  zu  Gunsten  seines  minorennen  Sohnes.  Gegen  ein  Kind
zu  revoltieren  hat  auch  eine  republikanische  Partei  keine  Veranlassung.
  Die  radikale  Partei  konnte  jetzt  ans  Ruder  gelangen;  sie
konnte  jetzt  ungestört  durch  einen  König,  der  selbständig  Politik  zu
machen  doch  nie  ganz  aufhören  kann,  ihren  panfslawistischen  Gelüsten
sich  hingeben  und  auf  ihre  Finanzkünste  die  Probe  zu  machen.  In
der  Regierung  sieht  sich  aber  all'  dergleichen  ganz  anders  an,  als  in
der  Opposition.  An  die  Spitze  der  Regentschaft  stellte  der  König  Ristitsch,
  der  von  je  für  einen  Russenfreund,  aber  auch  für  einen
klugen  und  geschickten  Politiker  gegolten  hat.  Das  Jahr  ist  darauf
hingegangen,  ohne  daß  ein  Ausbruch  erfolgt  oder  den  Russen  auch
nur  ein  wesentlicher  Dienst  geleistet  worden  wäre.  Zwar  wurde
Russenfreundschaft  bei  allen  Gelegenheiten  zur  Schau  getragen,  im
Herbst  auch  einmal  Reserven  einberufen,  als  ob  ein  unmittelbarer
Ausfall  gegen  Bulgarien  bevorstünde,  die  Königin  Natalie  erschien
allen  Abmachungen  zum  Trotz  in  Belgrad  und  setzte  es  durch,  ihren
Sohn  zu  sehen:  lauter  Erscheinungen,  die  die  höchste  Aufmerksamkeit
  der  europäischen  Politik  in  Anspruch  nahmen,  aber  zuletzt  doch  zu
nichts  führten.  Die  Panflawisten  fühlen,  daß  die  Dinge  noch  nicht
reif  sind  und  so  lassen  sie  die  Funken,  die  sie  angeblasen  haben,
wohl  oder  übel  wieder  verglimmen.  Auch  auf  die  serbische  Regentschaft
  mußte  es  trotz  aller  Russenfreundschaft  doch  Eindruck  machen,
daß  als  der  Mann  der  Zukunft  auf  der  Balkanhalbinsel  von  russischer
  Seite  immer  deutlicher  nicht  der  Monarch  in  Serbien,  sondern
  der  Dynast  in  Montenegro  bezeichnet  wurde.  König  Milan
scheint  also  nicht  so  ganz  unrichtig  gerechnet  zu  haben  mit  der  Erwartung,
  daß  eine  Regentschaft  russisch-radikaler  Gesinnung  selbst
die  russisch-radikale  Tendenz  am  allermeisten  zügeln  werde.  Er
selber  erschien  im  Sommer  noch  einmal  in  Serbien,  wo  er  sich  das
Recht,  die  Erziehung  seines  Sohnes  zu  beaufsichtigen,  reserviert  hat,
und  es  scheint,  daß  man  dem  Rat  des  klugen  Staatsmannes,  den
man  als  König  nicht  hatte  dulden  wollen,  dort  nunmehr  gern  das  Ohr
lieh  (vgl.  Pr.  Jahrb.  Bd.  63  S.  402;  Bd.  64  S.  124,  S.  242,  S.  388).
Rumä-  Wie  in  Serbien  einen  Thronwechsel  zu  ihren  Gunsten,  so
brachten  die  Panflawisten  in  Rumänien  wenigstens  einen  Ministerwechsel
  zu  ihren  Gunsten  zu  Stande.  Die  alte  Bojaren-Partei