Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfter Jahrgang. 1889. (30)

OMebersicht  der  politischen  Entwickelung  des  Jahres  1889.  395

zu  sein,  dieser  Stütze  nicht  mehr  zu  dedürfen  und  die  Abweichung
vom  spezifischen  Russentum  nicht  mehr  dulden  zu  brauchen.  So
schreitet  er  also  vorwärts  die  Balten  zu  russifizieren  und  hat  auch
das  bis  zuletzt  verschonte  Finnland  jetzt  in  Angriff  genommen.  Aus
den  Schulen,  den  Verwaltungen,  den  Gerichten  werden  die  tüchtigen
wissenschaftlich  und  moralisch  qualifizierten  Persönlichkeiten  entfernt
  und  durch  rohe  unwissende,  der  Landessprache,  der  Landesgesetze
  unkundige  Russen  ersetzt;  jede  Aeußerung  des  Widerspruches
durch  brutale  Unterdrückung,  Absetzung,  Verbannung  erstickt.

Am  meisten  von  allen  Staaten  ist  der  wirtschaftliche  Aufschwung
  wohl  Rußland  zu  gute  gekommen.  Der  Finanzminister
hat  ihn  sofort  benützt,  die  schwere  Zinsenlast  des  Staates  durch
Konversionen  zu  erleichtern;  auch  einige  Ersparnisse  durch  bessere
Kontrolle  in  der  Verwaltung  soll  es  ihm  gelungen  zu  sein  durchzusetzen.
  Die  hieraus  entspringende  Besserung  der  Finanzlage  hob
den  so  tief  gesunkenen  Rubelkurs  und  indem  so  eine  Besserung
immer  wieder  auf  die  andere  zurückwirkte,  ist  es  wirklich  gelungen,
dem  russischen  Staat  aus  der  Defizit-Wirtschaft  herauszuhelfen.

Die  Gründe,  wodurch  die  Position  des  Königs  Milan  inerbien.
Serbien  haltlos  geworden  war,  haben  wir  bereits  in  der  Uebersicht
des  vorigen  Jahres  dargelegt.  Die  große  Masse  der  bäuerlichen
Bevölkerung  in  Serbien  will  die  Steuern  nicht  zahlen,  die  sei  es
nun  für  die  Civilisierung  des  Landes  sei  es  durch  verkehrte  Politik
und  schlechte  Wirtschaft  notwendig  sind  oder  notwendig  geworden
sind,  und  verspricht  sich  durch  den  Anschluß  an  das  panflawistische
heilige  Rußland  Heilung  von  diesem  wie  von  allen  Uebeln.  An
die  Spitze  dieser  radikal-panslawistischen  Partei  stellte  sich  niemand
anders  als  die  Königin.  Der  König  war  der  Ansicht,  daß  allein
der  Anschluß  an  Oesterreich  die  Selbständigkeit  wie  die  Kulturzukunft
  Serbiens  sicherstelle.  Mit  der  größten  Anstrengung  kämpfte
er  das  Jahr  1888  hindurch  sich  zu  behaupten.  Er  ließ  sich  von
seiner  Frau  scheiden,  setzte  es  durch,  daß  sie  den  entführten  Kronprinz
  nach  Serbien  zurückgeben  mußte;  er  suchte  die  Massen  durch
eine  sehr  liberale  Verfassungsreform  zu  gewinnen.  Als  alles  vergeblich
  war,  griff  er,  um  wenigstens  die  Dynastie  zu  retten,  zu
einem,  man  möchte  sagen,  negativ--heroischen  Auskunftsmittel.  Er