Das deutsche Reih und seine einzelnen Glieder. (Okt. 31. —Nov. 1.) 129
holt in Anregung zu bringen erlaubt. Mit Befriedigung haben wir daher
vernommen, daß die Regierung Eurer Königlichen Majestät zu diesem Zwecke
einen Gesetzesentwurf vorzulegen entschlossen ist; wir teilen die Hoffnung
Eurer Königlichen Majestät, daß das patriotische Zusammenwirken aller Be-
teiligten zu einer befriedigenden Lösung der schwierigen und wichtigen Frage
führen wird.
Die veränderte Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse legt eine
der Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen besser angepaßte Verteilung der
direkten Steuern, die Steigerung der Aufgaben der Gemeinden eine Erwei-
terung ihrer Besteuerungsrechte nahe; einem gesetzgeberischen Vorgehen, welches
sich unter thunlichster Schonung der bestehenden Verhältnisse in dieser Rich-
tung bewegt, werden wir unfre Unterstützung nicht versagen.
Möge Eure Königliche Majestät unfre Worte gnädig entgegennehmen
und versichert sein, daß wir bei unseren Verhandlungen eingedenk des Eides,
den wir geschworen haben, das unzertrennliche Wohl des Königs und des
Vaterlandes ohne alle Nebenrücksicht nach bester Ueberzeugung treu und ge-
wissenhaft beraten werden.
Der allmächtige Gott verleihe Eurer Königlichen Majestät eine lange
glückliche Regierung. Möge es Eurer Königlichen Majestät beschieden sein,
unserem Vaterlande eine lange Zeit des ungetrübten Glückes, der Wohlfahrt
und des Friedens zu bringen!
In tiefster Ehrfurcht verharrt
Eurer Königlichen Majestät
treugehorsamste Kammer der Abgeordneten.
Stuttgart, den 31. Oktober 1891.
31. Oktober. (Danzig.) Ankunft des russischen Kaiser-
paares von Kopenhagen. Zum Empfange sind der russische Bot-
schafter Graf Schuwaloff aus Berlin mit dem Personal der Bot-
schaft, ferner der hiesige russische, dänische und englische Konsul und
die Spitzen der hiesigen Behörden am Landungsplatze anwesend.
Das Kaiserpaar setzt die Reise zu Lande ohne Aufenthalt fort. Um-
fassende Sicherheitsmaßregeln unter Aufgebot zahlreichen Militärs
sind von preußischer Seite getroffen.
Ende Oktober. Entlassungsgesuch des Majors v. Wißmann.
Anfang November. Mehrere Berliner Bankfirmen, Hirsch-
feld und Wolff, Friedländer und Sommerfeld, Maaß u. a. machen
Bankerott, wobei sich große Depot-Unterschlagungen herausstellen.
Anfang November. In Berlin finden eine Reihe von sozial-
demokratischen Volksversammlungen statt, in denen die
„Opposition“ unterliegt und die Beschlüsse des Parteitags gebilligt
werden.
1. November. Nachdem König Karl von Rumänien
Berlin verlassen, veröffentlicht die „Post“" folgenden Artikel:
„Se. Majestät der König von Rumänien ist gestern in seine Staaten
zurückgereist nach einem Aufenthalte von drei Tagen in Berlin sowohl als
in Potsdam. Daß ein längerer Aufenthalt am Berliner Hofe beabsichtigt
war, ist nicht anzunehmen, da Staatsgeschäfte, unter diesen Ministerverände-
Europ. Geschichtskalender. Bd. XXXII. 9