142 Fas Beutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (November 4.)
1888. Damals trieb „die Boulange“ ihr Unwesen in Frankreich. Boulanger
war unmittelbar daran, eine Dynastie Boulanger zu gründen. Er brauchte
nur an den Knopf zu drücken, so war er der Herrscher Frankreichs, und
dann gab es Krieg. Die Franzosen lassen sich von solchen Abenteurern sofort
mitreißen. Ich erinnere mich eines Falles aus dem Anfang des Jahres
1871, als Gambetta den Abschluß der Friedenspräliminarien verzögern
wollte, da kam eines Tages ein bekannter Bonapartist zu mir und sagte:
Er sei entschlossen, nach Bordeaux zu reisen und dort Gambetta mit dem
Revolver niederzuschießen, dann werde er an den Knopf drücken und den
Dienern befehlen: „Schafft das Schwein hinaus!“ und den Besitz der Regierung
ergreifen für den Kaiser. Er brauche nur sechs Leute, die so dächten
wie er, um unter dem ersten Schrecken die Macht zu ergreifen. Ich glaube,
daß der Mann recht hatte. Wir ließen uns aber doch auf das Abenteuer
nicht ein. Denn jede Monarchie in Frankreich ist für den Frieden mit
Deutschland gefährlicher als die Republik. Die Monarchie findet leichter
Bündnisse mit den monarchischen Staaten, namentlich mit Rußland, und
besitzt an sich selbst mehr kriegerischen Explosionsstoff. Daß die jetzigen
französischen Machthaber nicht an Krieg denken, verrät uns am deutlichsten
die Thatsache, daß sie den päpstlichen Segen für ihre Republik erbeten und
erhalten haben — der Papst hat uns damit gar keinen Tort angethan!
Denn das geschah doch nur, um die inneren Gegensätze und Spannungen
in Frankreich auszugleichen, zu beseitigen, dem großen, lebhaften und allgemeinen
Friedensbedürfnis des französischen Volkes zu entsprechen, und den
Machthabern Frankreichs ein möglichst bequemes, friedliches Leben zu bereiten.
Außerdem wissen diese Herren ganz genau, daß der erste bedeutendere
General sie mit seiner Diktatur sofort endgültig ablösen und hinwegfegen
würde."“
Dann kam der Fürst auf Rußland:
„Rußland schildert man immer so, als ob dort nahezu die ganze
Bevölkerung in blindem Ungestüm einen Krieg mit Deutschland verlange.
Aber wer will denn eigentlich in Rußland den Krieg? Der Zar nicht.
Denn er ist ein bedächtiger Herr, der nichts mehr liebt, als seinen ruhigen,
bequemen Hausfrieden, so lange er ihn haben kann. Das russische Volk in
seiner ganz überwältigenden Mehrheit will den Krieg auch nicht. Es sind
nur drei Elemente, welche in Rußland zum Kriege hetzen: Die Presse, die
Polen und die Juden. Die Presse nur insoweit, als sie vom Auslande,
von Polen und Juden beeinflußt ist, oder von Polen und Juden bedient
wird. Die Seele aller Kriegshetzerei in Rußland aber sind die Polen. Und
nicht etwa deshalb, weil sie meinen, daß Rußland in dem Kriege siegen
werde, sondern weil sie denken, daß Rußland geschlagen und zerschlagen
werde und es dann den Polen möglich werde, ihr Polenreich wieder aufzurichten.
Die Juden, welche in der russischen Presse und sonst mit in das
Kriegsgeschrei einstimmen, thun dies aus demselben Grunde wie die Polen:
ihnen geht es in Rußland schlecht und sie hoffen, daß wenn es Rußland
im Kriege schlechter geht, es dann den russischen Juden besser gehen werde.
Wieviele Polen in der russischen Presse, in hohen russischen Aemtern, selbst
in der russischen Armee, sich einzunisten verstanden haben, das wäre genauerer
Forschung wert. Ich halte ihre Zahl für sehr bedeutend und auch
ihren Einfluß. Viele haben freilich, um sich als Polen unkenntlich zu
machen, ihre Endsilben „owski“ abgelegt, aber z. B. Wannowski ist ein
echter Pole, auch der Chef des russischen Generalstabs — freilich fällt mir
augenblicklich sein Name nicht ein — und selbst der General Gurko entstammt
einer polnischen Familie Weißrußlands. Rußland ist aber — ganz
abgesehen von seiner Hungersnot, seinen Choleraverheerungen und seiner