Das Veenische Reich und seine einzelnen Glieder. (November 23.) 169
1888 haben die verbündeten Regierungen ausgesprochen, daß der Krieg mit
zwei Fronten ins Auge gefaßt werden müßte, und von dieser Stelle hier ist
Ihnen das aufs nachdrücklichste und wirksamste vorgeführt worden. Es liegt
ja auch auf der flachen Hand, daß, wenn Rußland die Neigung haben sollte,
uns mit Krieg zu überziehen, das Bündnis von Frankreich ihm jeden Tag
zur Verfügung steht.
Ob, wenn Frankreich uns angriffe, ein russischer Angriff eben so
sicher und mit derselben Schnelligkeit zu erwarten wäre, das will ich dahingestellt
sein lassen. Immerhin aber würde das Dasein von Rußland uns
nötigen, an unserer Grenze Kräfte stehen zu lassen, die dem, was wir gegen
Frankreich aufzubieten haben, abgehen würden.
ch glaube, gegen die Erwägung, daß wir mit dem Kriege mit zwei
Fronten zu rechnen gezwungen sind, läßt sich schwer etwas einwenden, und
ich darf mich auf die Ausführungen meiner militärischen Herren Kollegen
beziehen, wenn ich die Behauptung aufstelle, daß wir dem nicht gewachsen
find. Auch das letztere ist ziemlich allgemein anerkannt worden, man hat
aber gesagt: Ja, wenn wir einen Krieg mit zwei Fronten führen sollen,
so werden wir niemals stark genug werden, um nach beiden Seiten zu
schlagen. Das ist ein Motiv, was ich mit tiefer Betrübnis gelesen habe;
denn in seiner Konsequenz würde dies doch nichts anderes heißen, als:
Wenn wir einmal mit Uebermacht angegriffen würden, so wollen wir uns
gar nicht verteidigen. Das ist doch ein für Deutsche unmöglicher Gedanke
und ich will nur erinnern an die Männer von 1813, die vom Jahre 1807
bis 1813 unaufhörlich im kleinen Preußen schufen, die Wehrkraft zu vermehren
suchten, bis sie sie auf zwölf Infanterie-Regimenter gebracht hatten.
Was würden die Männer gesagt haben und welch' heiliger Zorn würde
sich von den Zungen dieser Männer auf uns ergießen, wenn sie uns von
der Möglichkeit sprechen hörten, daß, weil wir einmal nicht so stark wären,
wie andere, wir unsere Verteidigung aufgeben wollten. Diese Männer haben
damals im kleinen Preußen gegen die Weltmacht eines Napoleon gerüstet
und sind zum Erfolg gekommen, und wir sollten nicht weiter gehen, als
wir bisher gegangen sind, wir sollten nicht an die äußerste Grenze des
Möglichen in Bezug auf unsere militärische Leistungsfähigkeit zu gehen bereit
sein, bloß weil Fälle denkbar sind, in denen andere noch stärker sind?
Das halte ich für unmöglich.
Ueberdies ist das ja klar: unsere ganze Machtstellung, unsere Weltstellung
hängt von unserer militärischen Leistungsfähigkeit ab. Jede politische
Frage reduziert sich zuletzt auf einen militärischen Faktor. Auch das
größte politische Geschick wird in seinen letzten Handlungen gebunden durch
die Frage: welche militärischen Konsequenzen kann ich meinen Entschließungen
geben, und es liegt auf der Hand, daß, je stärker wir sind, um so eher
werden wir auch in schwierigen Fällen auf Bundesgenossen rechnen können.
Wir können aber schon heute auf Bundesgenossen rechnen und auf Bundesgenossen,
deren Wert ich sehr hoch schätze. Der Dreibund ist vielleicht in
keiner der drei Nationen so populär wie bei uns, und ich glaube, die
Nation rechnet es meinem Herrn Amtsvorgänger als eines seiner größten
Werke au, daß er diesen Dreibund geschaffen hat. (Zustimmung links.)
Wir halten an dem fest und sind überzeugt, daß unsere Verbündeten
ebenso fest daran halten. Daraus folgt aber wiederum nicht, daß wir nun
nicht mit uns zu Rate gehen müßten, ob wir wirklich stark genug sind,
ob der Dreibund als Ganzes auch stark ist, und ich glaube, daß Ihnen da
wiederum von militärischer Seite wird der Nachweis geführt werden können,
daß, wenn Sie den Dreibumd ausehen, er nicht diejenige Truppenzahl aufzubringen
im stande ist, die Frankreich und Rußland aufzubringen ver-