Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Juni 1.—4.) 125
prüft, und wurden die Wahlen aus 23 Wahlbezirken der Wahlprüfungskommission
überwiesen. Diese hat über 17 Wahlverhandlungen 16 schriftliche
Berichte erstattet und einen mündlichen Bericht vorbereitet, welche bis
auf einen sämtlich im Plenum erledigt sind. Ueber sechs Wahlverhandlungen,
betreffend die Wahlbezirke 4 Danzig, 3 Oppeln, 1 Minden, 2 Minden,
8 Kassel und 4 Potsdam, hat die Kommission noch nicht berichtet. Erledigt
sind zur Zeit drei Mandate, und zwar je eins für die Wahlbezirke: 5 Potsdam,
2 Oppeln, 2 Kassel. (N. A. Z.“)
Die Urteile der Presse aller Parteien über die Landtalzsession lauten
in den meisten Fällen ungünstig; die Session sei unfruchtbar und unersprießlich
verlaufen.
1. Juni. (Bayer. Landtag.)
Die 5 sozialistischen Abgeordneten stimmen unter Vollmars Führung
für das Budget, was in der sozialistischen Presse lebhaft getadelt wird.
(Vgl. den sozialist. Parteitag.)
4. Juni. (Bayern.) Schluß des Landtags nach achtmonatlicher
Sitzung.
Das Budget ist von 324¼ auf 328 Millionen erhöht worden. Der
Etat für Reichszwecke beträgt 50, 855,000, der Militäretat 70,275,723 M.
4.|6. Juni. Polnischer Katholikentag in Posen.
Die Redner sperchen sich im allgemeinen befriedigt über die Lage der
Katholiken in Preußen und Oesterreich aus und beklagen die Unterdrückung
der Polen in Rußland. Es werden die Zurückführung der Orden, die
katholische Volksschule und die Gründung einer polnischen Universität in
Posen verlangt.
4. Juni. Wilhelm Roscher, Professor der Nationalökonomie
in Leipzig f. (Vgl. über ihn: Bücher, Preuß. Jahrbb. Bd. 77.)
4. Juni. Silberkommission.
Schluß der Sitzungen durch den Schatzsekretär Graf Posadowski
mit folgender Rede:
Meine Herren! Unsere Verhandlungen sind beendet. Namens des
Herrn Reichskanzlers danke ich Ihnen für die Bereitwilligkeit, mit der Sie
seinem Rufe gefolgt sind, und für den sachlichen Eifer, mit welchem Sie
sich der schwierigen Frage der Preisregulierung des Silbers gewidmet haben.
Ich glaube, daß Uebereinstimmung in dreierlei Beziehung in dieser Versammlung
erzielt ist: daß in der That mit dem schwankenden und niedrigen
Silberpreise gewisse Schädigungen für unseren Außenhandel und auch für
unser inneres Erwerbsleben verknüpft sind; daß Deutschland allein nicht in
der Lage ist, wirksame Maßregeln zur Hebung des Silberwertes zu ergreifen;
daß eine Hebung des Silberpreises im Wege der Monopolisierung,
Kartellierung oder Regalisierung der Silberproduktion jedenfalls nicht ausführbar
sein möchte. Streitig ist die Frage geblieben: ob überhaupt und
eventuell auf welchem Wege die Steigerung des Silberpreises gegenüber der
freien Produktion erreichbar erscheint; welches Schwergewicht den durch den
Silbersturz geschädigten wirtschaftlichen Interessen gegenüber den Interessen
unseres gesamten Wirtschaftslebens beizumessen ist; welche Relation zwischen
dem Gold- und Silberpreise für eine internationale Regelung vorzuschlagen
wäre, und ob nicht die von verschiedenen Seiten vorgeschlagenen Heilmittel
vielleicht gefährlicher wären als die Silberkrankheit selbst. Als der Herr
Reichskanzler seine Absicht, eine Silberenquete einzuberufen, bekannt gegeben