Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zwölfter Jahrgang. 1896. (37)

170  Bie  Gesterreichisch-Angarische  Monarchie.  (Oktober  6.—19.)

„Pester  Lloyd“  glaubt  nicht  an  eine  feste  Allianz  zwischen  Rußland  und
Frankreich  gegen  die  Dreibundmächte,  da  der  Zar  der  Franzosen  auch  so
sicher  sei,  die  mit  keiner  andern  Macht  ein  Bündnis  eingehen  könnten.

6.  Oktober.  (Pest.)  Der  König  schließt  mit  einer  Thronrede
  den  Reichstag,  dessen  Auflösung  am  30.  September  angekündigt

  war.

Die  Thronrede  sagt  über  die  Millenniumsfeier:  „Ein  einen  denkwürdigen
  Abschnitt  in  der  Geschichte  der  ungarischen  Nation  bezeichnender
Reichstag  geht  zu  Ende,  während  dessen  Dauer  Ungarn  die  Wende  seines
tausendjährigen  staatlichen  Bestandes  gefeiert  hat.  Noch  sind  in  lebhafter
Erinnerung  und  werden  uns  immer  unvergeßlich  bleiben  die  erhebenden
Feierlichkeiten,  die  in  diesem  Jahre  stattgefunden  haben.  Indem  wir  der
göttlichen  Vorsehung,  welche  gestattet  hat,  daß  wir  das  Fest  des  tausendjährigen
  Bestandes  unseres  geliebten  Ungarns  im  Genusse  der  Segnungen
des  Friedens  begehen  konnten,  aufs  neue  danken,  empfangen  auch  Sie  nochmals
  für  die  uns  gegenüber  bewiesene  treue  Anhänglichkeit  und  Liebe  unseren
  wärmsten  Dank.“  Die  Thronrede  erinnert  ferner  mit  Genugthuung
an  die  Eröffnung  des  Eisernen  Thor-Kanals,  die  kirchenpolitische  Gesetzgebung,
  den  Abschluß  der  Handelsverträge,  die  guten  Beziehungen  mit  dem
Auslande,  die  friedlichen  Aussichten  und  die  innere  wirtschaftspolitische  Gesetzgebung.
  Nach  einem  Hinweis  auf  die  notwendige  Regelung.  der  Quotenfrage
  schließt  die  Thronrede:  „Wir  haben  jedoch  in  Betracht  gezogen,  daß
der  gegenwärtige  Reichstag  bis  zum  Ablaufe  seines  Mandats  nicht  über
die  Zeit  verfügt,  welche  notwendig  ist,  um  derartige  Vorlagen  von  solcher
Wichtigkeit  mit  der  erforderlichen  Ruhe  und  mit  reiflicher  Erwägung  zu
verhandeln,  zumal  wenn  der  Reichstag  auch  noch  die  Aufgabe  hätte,  das
Staatsbudget  für  das  künftige  Jahr  festzustellen.  Deshalb  haben  Wir  auf
Vortrag  unserer  Regierung  die  vorzeitige  Auflösung  des  am  18.  Februar
1892  einberufenen  Reichstages  beschlossen,  damit  dem  desto  eher  einzuberufenden
  neuen  Reichstage  zur  Regelung  der  erwähnten  hochwichtigen  Angelegenheiten
  eine  um  so  längere  Zeit  zur  Verfügung  stehe."“

10.  Oktober.  (Wien.)  Das  Herrenhaus  genehmigt  die
Steuerreform  (vgl.  1895  S.  222).

13.  Oktober.  (Wien.)  Das  Abgeordnetenhaus  fordert  die
Regierung  auf,  sich  mit  den  auswärtigen  Regierungen  über  die
Errichtung  internationaler  Schiedsgerichte  in  Verbindung  zu  setzen.

19.  Oktober.  (Ungarn.)  Wahlrede  des  Finanzministers
Lukacs  über  den  Ausgleich  und  die  Währungsfrage.

Der  Minister  führt  in  einer  Wahlversammlung  in  Erlau  aus,  es
sei  für  Ungarn  schädlich,  an  dem  Ausgleich  vom  Jahre  1867  zu  rütteln.
Eine  Trennung  des  gemeinsamen  Zollgebietes  würde  beide  Teile  im  höchsten
Maße  schädigen.  Die  Behauptung  der  Opposition,  die  Industrie  Ungarns
könne  sich  bei  einem  gemeinsamen  Zollgebiete  nicht  entwickeln,  entspreche  den
Thatsachen  nicht.  Der  Minister  wies  ferner  nach,  daß  die  Gleichförmigkeit  Oesterreichs
  und  Ungarns  in  der  Behandlung  der  Konsumsteuer  Ungarn  zum
Vorteile  gereiche.  Was  die  Quotenfrage  angehe,  so  würden  gleich  nach  dem
Zusammentritt  des  Reichstages  die  Quotenausschüsse  ihre  Arbeiten  wieder
aufnehmen;  es  sei  zu  hoffen,  daß  eine  gerechte  Grundlage  gefunden  werden
würde.  Die  Behauptung  der  Opposition,  Ungarn  könnte  eine  selbständige