Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfzehnter Jahrgang. 1899. (40)

           Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  21.  23.)  113


für  die  Inseln  bemessene  Preis  ein  angemessener,  auch  vom  Standpunkt
der  Gerechtigkeit  ist.  Daß  wir  nicht  zu  teuer  bezahlt  haben,  beweist  der  Umstand,
  daß  in  der  amerikanischen  Presse  der  Preis  der  Karolinen-Inseln  auf
10  Mill.  Doll.,  also  auf  44  Mill.  Mark  geschätzt  worden  ist,  während  die
amerikanischen  Delegierten  während  der  Friedensverhandlungen  mit  Spanien
für  eine  einzelne  Karolinen-Insel  4  Millionen  boten.  Wir  hatten  die  Pflicht,
dafür  zu  sorgen,  daß  durch  unsere  neuen  Erwerbungen  unsre  Beziehungen
zu  den  anderen  Mächten  nicht  gestört  würden.  Wir  haben  dies  erreicht,
ohne  uns  unfrerseits  irgendwelche  Gegenleistungen  auferlegen  zu  lassen.
(Beifall  rechts.)  Wir  hoffen,  durch  unsre  Festsetzung  auf  den  Karolinen
und  Marianen  unsre  Beziehungen  zu  unsern  Nachbarn,  den  Amerikanern
und  Japanern,  noch  vertrauensvoller  zu  gestalten.  Wir  denken  gar  nicht
daran,  uns  in  der  Südsee  in  Gegensatz  stellen  zu  wollen  zu  Amerika,  seine
Interessen  zu  beeinträchtigen,  wie  wir  auch  nicht  annehmen,  daß  Amerika
ohne  jeden  Grund  die  unsrigen  zu  schmälern  geneigt  sein  sollte.  Dem
rührigen  und  begabten  japanischen  Volk  bringen  wir  aufrichtige  Sympathien
entgegen.  Es  ist  uns  nicht  eingefallen,  die  aufsteigende  Linie  dieses  Volkes
feindlich  durchkreuzen  zu  wollen:  in  jener  Gegend  ist  Platz  für  mehr  als
ein  Volk.  Wir  hoffen,  durch  den  Vertrag  zwischen  uns  und  Spanien  in
politischer  und  wirtschaftlicher  Hinsicht  die  früheren  Divergenzen  harmonisch
auszugleichen  und  die  Beziehungen  zu  Spanien  so  freundlich  zu  gestalten,
wie  es  der  Abwesenheit  aller  Interessengegensätze  zwischen  diesen  beiden
Völkern  und  ihrem  wohlverstandenen  Interesse  entspricht.  Das  Geschäft,
das  wir  mit  Spanien  abgeschlossen  haben,  ist  ein  ehrliches  Geschäft,  bei
dem  es  keinen  Uebervorteilten  gibt  und  mit  dem  beide  Teile  zufrieden  sein
können.  Für  Spanien  waren  die  Inseln  nur  noch  Bruchstücke  eines  eingestürzten
  Gebäudes,  für  uns  sind  sie  Pfeiler  und  Strebebogen  für  einen,  so
Gott  will,  zukunftsvollen  Bau.  Ich  spreche  daher  die  Erwartung  aus,  daß
nach  Maßgabe  der  natürlichen  Vorzüge  dieser  Inseln  und  nach  ihrer
geographischen  und  politischen  Lage  uns  ein  kolonialer  Zuwachs  zufällt,
der  für  unsern  Handel  und  unsre  Machtstellung  segensvoll  sein  wird.  Dies
wird  eine  bedeutsame  Etappe  auf  dem  Wege  der  deutschen  Kolonialpolitik
bezeichnen.  Die  verbündeten  Regierungen  vereinigen  sich  in  dem  Wunsch,
daß  der  endgültige  Uebergang  dieser  Inseln  in  den  Besitz  des  deutschen
Volkes  von  Ihnen  gutgeheißen  werden  möge.  (Beifall  rechts).

           Die  Forderungen  werden  in  erster  und  zweiter  Beratung  gegen  die
Stimmen  der  freis.  Volkspartei,  der  deutschen  Volkspartei  und  der  Sozialdemokraten
  angenommen.  Das  Handelsabkommen  wird  angenommen.  Danach
  heben  beide  Staaten  die  wechselseitige  Differenzierung  auf  und  gewähren
  sich  künftig  die  Meistbegünstigung,  also  die  über  den  deutschen
allgemeinen  Tarif,  resp.  den  spanischen  Minimaltarif  hinaus  den  meistbegünstigten
  Staaten  zugestandenen  Zollermäßigungen.  Beispielsweise  genießt
Deutschland  die  ermäßigten  Zölle  auf  eine  Reihe  von  Industrieartikeln  des
schweizerisch=  spanischen  Handelsvertrags;  Spanien  zieht  für  die  Bodenprodukte
  Nutzen.  (Den  Wortlaut  der  Aktenstücke  und  zugehörigen  Denkschriften
  vgl.  „Staats-Archiv“  Bd.  63).  Genehmigung  in  dritter  Beratung

22.  Juni.

            21.  Juni.  Das  Preußische  Abgeordnetenhaus  genehmigt
gegen  die  Stimmen  einiger  Konservativen  das  Gesetz  über  die  Versetzung
  richterlicher  Beamter  in  den  Ruhestand.

            23.  Juni.  (Preußisches  Abgeordnetenhaus.)  In  der

Kanalkommission  gibt  der  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten
Europäischer  Geschichtskalender.  XI.                                  8