Full text : Die Weltgeschichte. Dritter Theil. Die neue Zeit. (3)

Königin  Elisabeth.  71

lament  und  die  Mehrzahl  des  Volkes  sprachen  sich  für  die  katholische
Keligion  aus.  Kranmer  wurde  verbrannt,  nachdem  er  vergeblich  durch
Widerrufe  sein  Leben  hatte  erkaufen  wollen;  andere  Protestanten  traf
das  gleiche  Schicksal,  und  eine  entdeckte  Verschwörung  hatte  abermals
Hinrichtungen  zur  Folge.  Die  Engländer  nennen  diese  Königin  die
eoblutige“  Maria,  vergessen  aber,  daß  unter  ihr  jedenfalls  nicht  300
Personen  hingerichtet  wurden,  während  unter  ihrer  Nachfolgertn  Elisabeth
  mehr  als  die  zehnfache  Anzahl  sterben  mußte.  Maria  hatte  den
König  Philipp  von  Spanien  geheirathet,  der  aber  an  der  Regieung
  Englands  keinen  Antheil  hatte,  jedoch  1557  ein  Hilfskorps  gegen
die  Franzosen  erhielt.  Sie  starb  schon  1558  im  November;  dieser  Königin
  entrißen  die  Franzosen  durch  raschen  Ueberfall  Kalais,  was  sie
so  schmerzte,  daß  sie  auf  dem  Todbette  sagte:  „Nehmt  mein  Herz  aus
meinem  Leichname  und  ihr  werdet  darauf  den  Namen  Kalais  lesen.“

RKönigin  Elisabeth  (1558—1603).

Elisabeth  war  25  Jahre  alt,  als  durch  den  Tod  Marias  ihr  die  Krone
Englands  zufiel;  aber  Maria  Stuart,  die  mit  dem  Dauphin  Franz
von  Frankreich  vermählte  Königin  von  Schottland,  Enkelin  Margarethens,
  der  älteren  Schwester  von  Heinrich  VIII.,  nahm  nach  Marias
Tode  Namen  und  Wappen  einer  Könlgin  von  England  an,  und  wirklich
war  sie  auch  die  gesetzliche  Erbin,  da  durch  die  Anerkennung  Martas,
Heinrichs  VIII.  Tochter,  die  Ehe  mit  Anna  Boleyn  als  eine  ungiltige
erscheinen  mußte.  Sie  wurde  von  Frankreich,  Spanien  und  dem
Papste  unterstützt,  aber  gerade  dies  that  Elisabeth  bei  den  Engländem
  den  größten  Vorschub;  ihre  Sache  erschien  dem  Auslande  gegenüber
  als  die  nationale,  und  da  Maria  von  den  katholischen  Mächten
unterstützt  wurde,  wandte  sich  Elisabeth  zu  den  Protestanten  und  brachte
dadurch  für  England  Nationalität  und  Protestantismus  in  unauflösliche
Verbindung.  Sie  unterstützte  die  Protestauten  in  Schottland,  in  Frankreich,
  in  den  Niederlanden,  in  Deutschland,  theils  mit  Mannschaft  und
Geld,  noch  viel  öfter  aber  mit  Versprechungen.  In  England  selbst  ging
sie  Schritt  für  Schritt  vorwärts;z  1562  wurden  die  39  Artikel  als  Symbol
  der  protestantischen  Kirche  Englands  anerkannt  und  eine  Kommission
niedergesetzt,  welche  über  die  Aufrechthaltung  des  Glaubens  wachen  sollte
(englische  Inqutsition).  Durch  die  Parlamentsakte  of  uniformity  wurden
  scharfe  Zwangsmaßregeln  gegen  alle  die  angeordnet,  welche  sich  zu
den  39  Artikeln  nicht  bequemen  wollten,  gegen  die  Katholiken  ebenso
wie  gegen  die  Dissenters  (nicht  englisch-kirchliche  Protestanten).  Im
Jahre  1570  erklärte  Papst  Pius  V.  Elisabeth  als  Ketzerin  und  der
Regierung  verlustig,  alle  Unterthanen  aber  des  Eides  der  Treue  entbunden.
  Dies  verursachte  für  die  Katholiken  die  entsetzlichsten  Verfol-