Full text: Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Siebzehnter Jahrgang. 1901. (42)

44           Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 1./14.) 
der Besoldungsfrage zusammen, sondern sei eine Folge der Vermehrung 
der Schulanstalten und der einjährigen Dienstzeit. 1500 Lehrerstellen seien 
infolgedessen unbesetzt. Abg. Ernst (frs. Vg.) tadelt die Schulaufsicht durch 
die Geistlichkeit als unpädagogisch und als der Gesinnungsriecherei Vor- 
schub leistend. Abg. Geisler (Z.): Ein gewisser Mangel an Lehrern 
bestehe, er werde aber übertrieben. Abg. Schall (kons.) stimmt dem Vor- 
redner zu, während Abg. Hackenberg (nl.) die Erweiterung der Lehrer- 
bildungsanstalten wünscht. 
            1./14. März. (Preußisches Abgeordnetenhaus.) Zweite 
Beratung des Kultusetats. Krankenpflege katholischer Orden; 
Paritäts- und Polenfrage; Evangelischer Bund; Altkatholiken; 
Reform der höheren Schulen; Oberlehrergehalt. 
            Das Zentrum beantragt die Aufhebung der Beschränkungen und 
Erschwerungen, welchen die Krankenpflege und die sonstige Uebung wohl- 
thätiger Nächstenliebe seitens der Mitglieder katholischer Orden und ordens- 
ähnlicher Kongregationen unterworfen ist, behufs Gleichstellung derselben 
mit den Mitgliedern anderer der Krankenpflege gewidmeten Vereinigungen. 
Abg. Fritzen (Z.): Die Orden würden in kleinlicher Weise chikaniert; viel 
Not und Elend könne bei den bestehenden Vorschriften, ehe die zur Nieder- 
lassung erforderliche Genehmigung zweier Minister erfolgt sei, infolge des 
großen Zeitverlustes nicht getilgt und gelindert werden. Und wenn dann 
die Genehmigung erfolgt, dann könne sie nach den bestehenden Gesetzen 
jederzeit rückgängig gemacht werden. Das sei ein unwürdiger Zustand, 
dem ein Ende gemacht werden müsse. Im Namen der armen Kranken, 
im Namen der Enterbten der Gesellschaft richte ich meinen warmen Appell 
an das Haus, meiner Partei zur Förderung wahrer Humanität, der christ- 
lichen Charitas, über leidige Parteistreitigkeiten hinaus die Hand zu reichen. 
Abg. v. Heydebrand und d. Lasa (kons.) sind für den Antrag, wünschen 
aber Vorsorge, daß die zentralisierte Macht der katholischen Kirche nicht 
den Frieden störe. Abg. Friedberg (nl.) lehnt den Antrag ab, weil die 
katholischen Orden bei ihrer Organisation, die auch Ausländer aufnehme, 
staatsrechtlich nicht mit anderen Organisationen gleichzusetzen sei. Kultus- 
minister Dr. Studt weist die Vorwürfe wegen chikanöser Behandlung 
zurück, kann aber noch keine sachliche Erklärung über den Antrag abgeben. 
                Der Antrag wird angenommen mit einem Amendement der Kon- 
servativen, an Stelle „sonstige“ zu setzen „gleichartige". 
                 2. März. Abg. Dauzenberg (Z.) klagt über geringes Entgegen- 
kommen seitens des jetzigen Kultusministers. Es fehle der katholischen 
Kirche in Preußen die notwendige Religionsfreiheit, obwohl sie noch besser 
daran sei als in vielen anderen deutschen Staaten. Der Staat mische sich 
unbefugt in die Ausbildung und Anstellung des Klerus ein, und am 
drückendsten sei die Gesetzgebung über die Orden. Es sei verletzend, daß 
bei der Verteilung von Unterstützungen an Privatinstitute anläßlich des 
200jährigen Kronjubiläums kein katholisches Institut bedacht worden sei. 
Auch im Schulwesen sei eine Revision notwendig, denn nach den Worten 
des Ministers Bosse seien viele Bestimmungen darin für die Katholiken 
hart und unbequem. Kultusminister Dr. Studt weist die Beschuldigung 
der Vernachlässigung katholischer Interessen zurück. Abg. Stychel (Pole) 
führt Beschwerde über die Erteilung des Religionsunterrichts in Posen; 
die Polen litten am meisten unter den Nachwehen des Kulturkampfes. 
Abg. Graf Limburg-Stirum (kons.) will den kirchenpolitischen Wünschen 
des Zentrums, das national gesinnt sei, entgegenkommen; den Polen gegen-