Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (März 24.) 67
zum äußersten Widerstand reizen würden. (Sehr richtig!) Gewiß, meine
Herren, die fortgesetzten Greueltaten, die in Makedonien von Christen und
Mohammedanern, von Mohammedanern und Christen begangen werden,
schlagen der Zivilisation Europas und der Humanität unserer Zeit ins
Gesicht. Aber noch viel unerträglicher erscheint mir der Gedanke, daß sich
wegen der von heftigem Hader durchwühlten makedonischen Wilajets die
Mächte untereinander verfeinden und ein europäischer Krieg entzündet
werden sollte. (Lebhaftes Sehr richtig!) Ich glaube, meine Herren, daß
diese Wünsche bei allen Kabinetten vorherrschen, und deshalb ist zu hoffen,
daß das europäische Konzert aufrecht bleiben wird, wenn auch über manche
Punkte des Programms noch Meinungsverschiedenheiten auszugleichen sind.
Meine Herren, aus verschiedenen Aeußerungen, die im Laufe der Debatte
gefallen sind, entnehme ich, daß in diesem hohen Hause der Wunsch besteht,
ich möge mich auch zu dem Brief äußern, den Seine Majestät der Kaiser
im vergangenen Monat an Lord Tweedmouth gerichtet hat. Aus Gründen
der Diskretion, auf die gegenüber einem Privatbrief Absender und Empfänger
den gleichen Anspruch haben, bin ich nicht in der Lage, Ihnen diesen Brief
im Wortlaut vorzulegen, und ich füge hinzu, daß ich es außerordentlich
bedaure, daß ich dazu nicht imstande bin. Dieser Brief könnte nämlich
von jedem von uns, von jedem aufrichtigen Freunde guter Beziehungen
zwischen Deutschland und England unterschrieben werden. (Lebhafte Rufe:
Hört, hörtI!) Dieser Brief, meine Herren, war nach Form und Inhalt ein
privater Brief, und er war gleichzeitig, seinem Inhalt nach, ein politischer
Brief. Das eine schließt das andere gar nicht aus, und der Brief eines
Souveräns, ein kaiserlicher Brief, wird dadurch, daß er politische Fragen
behandelt, noch nicht zu einem Regierungsakt. (Sehr richtig! rechts.) Es
ist dies — der Herr Abg. Graf v. Kanitz hat das gestern mit mehreren
richtigen Beispielen belegt — nicht der erste politische Brief eines Souveräns,
und unser Kaiser ist nicht der erste Souverän, der an auswärtige
Staatsmänner Briefe politischen Inhalts gerichtet hätte, die der Kontrolle
nicht unterliegen. Es handelt sich hier um ein Betätigungsrecht, das alle
Souveräne in Anspruch nehmen, und das selbstverständlich unserem Kaiser
zu beschränken niemand das Recht hat. Wie Seine Majestät von diesem
Rechte Gebrauch machen will, das können wir getrost seinem kaiserlichen
Pflichtgefühl überlassen. Es ist eine grobe, durch nichts gerechtfertigte
Unterstellung, wenn behauptet worden ist, der Brief des Kaisers an Lord
Tweedmouth bedeute einen Versuch, den für das englische Marinebudget
verantwortlichen Minister im deutschen Interesse zu beeinflussen, er bedeute
einen heimlichen Eingriff in innere Angelegenheiten des britischen Reiches.
Unser Kaiser ist der letzte, zu glauben, daß der Patriotismus eines englischen
Ministers es ertragen würde, vom Auslande Ratschläge zu akzeptieren
über die Gestaltung des englischen Marinebudgets. (Sehr richtig! und
Hört, hört!) Was für die englischen Staatsmänner gilt, das gilt ebenso
für die führenden Männer jedes Landes, das Anspruch auf die Achtung
seiner Selbständigkeit erhebt. (Lebhaftes Sehr wahr!) In Fragen der
Wehrhaftigkeit des eigenen Landes lehnt jedes Volk fremde Einrede ab und
zieht nur seine eigene Sicherheit und seine eigenen Bedürfnisse zu Rate.
(Sehr richtig!) Von diesem Rechte der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung
macht auch Deutschland Gebrauch, wenn es sich eine Flotte
schafft, die seinen Küsten und seinem Handel den notwendigen Schutz gewähren
soll. (Bravo!) Dieser defensive, dieser rein defensive Charakter
unseres Flottenprogramms und unserer Flottenpolitik kann gegenüber den
unaufhörlichen Versuchen, uns England gegenüber aggressive Absichten und
Pläne anzudichten, nicht oft und nicht scharf genug hervorgehoben werden.
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