Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  26.)  81

heiten  mache  ich  nicht!  Solche  Dummheiten  sollte  man  mir  eigentlich  nicht
zutrauen,  nachdem  ich  bald  elf  Jahre  Minister  bin,  und  solche  Gewissenlosigkeit
  auch  nicht.  Ich  habe  feierlich  erklärt,  daß  die  preußische  Staatsregierung
  die  Reformbedürftigkeit  des  preußischen  Wahlrechts  anerkennt,  und
daß  sie  eine  gründliche,  verständige,  auf  richtiger  Grundlage  beruhende,  für
Preußen  geeignete  Wahlreform  wünscht  und  zur  Ausführung  bringen  wird.
Aber  wir  lehnen  Forderungen  ab,  die  den  preußischen  Staat  erschüttern
würden,  den  preußischen  Staat,  der  das  deutsche  Volk  zur  Einheit,  zur
Macht,  zur  Größe  geführt  hat,  den  preußischen  Staat,  ohne  den  es  ein
Deutsches  Reich  nicht  geben  würde.  Der  Herr  Abg.  Bebel  hat  hier  vorgestern
  geäußert,  es  würde  kein  Unglück  sein,  wenn  der  preußische  Staat
verschwände.  Diese  Aeußerung  stand  ganz  auf  der  Höhe  der  Bemerkung,
die  der  Abg.  Bebel  auf  dem  internationalen  Sozialistenkongreß  in  Amsterdam
gemacht  haben  soll,  nämlich  daß  es  kein  Unglück  sein  würde,  wenn  Deutschland
  auf  dieselbe  Weise  zur  Republik  gelangte  wie  Frankreich,  auf  dem
Wege  einer  großen  auswärtigen  Niederlage.  (Hört,  hört!  rechts.)  Solche
Aeußerungen  bereiten  allen  Feinden  und  allen  Neidern  Deutschlands  in
der  ganzen  Welt  immer  die  innigste  Freude.  Demgegenüber  will  ich  betonen:
  das  Reich  kann  Preußen  nicht  missen,  aber  Preußen  kann  auch  das
Reich  nicht  entbehren.  Das  ist  das  segensreiche  glorreiche  Ergebnis  der
preußischen  und  deutschen  Geschichte  seit  250  Jahren;  das  ist  die  Frucht
der  Arbeit  und  der  Genialität  des  Großen  Kurfürsten  und  des  Großen
Königs.  Das  ist  vor  allem  das  Ergebnis  der  Bismarckschen  Politik.  Als
während  der  Konfliktszeit  der  Kronprinz  zu  dem  damaligen  Minister
v.  Bismarck  einmal  sagte,  wenn  er  es  so  weiter  treibt,  so  würde  er  es
schließlich  dahin  bringen,  daß  ihn  das  Volk  aufhänge,  da  erwiderte  der
große  Minister:  Was  schadet  das,  wenn  nur  der  Strick,  an  dem  ich  baumle,
Preußen  und  das  Haus  Hohenzollern  fest  verbindet  mit  einem  geeinigten
und  starken  Deutschland!  Als  Fürst  Bismarck,  nachdem  die  Entscheidung
gefallen  war,  vor  42  Jahren  seinen  greisen  König  bewog,  den  süddeutschen
Staaten,  den  Bundesstaaten,  die  Hand  zur  Versöhnung  hinzustrecken,  und
ihnen  den  freiwilligen,  den  ehrenvollsten  Eintritt  in  das  neue  Reich  offen
zu  halten,  den  Bundesstaaten,  speziell  den  süddeutschen  Staaten,  deren
Eigenart  niemals  verkannt  worden  ist,  noch  verkannt  werden  soll,  deren
verfassungsmäßige  Rechte,  deren  volle  Gleichberechtigung  als  Bundesstaaten
niemals  verkannt  worden  sind  und  niemals  verkannt  werden  sollen  —  als
Fürst  Bismarck  gleichzeitig  durch  die  Indemnitätsvorlage  den  Frieden  mit
der  eigenen  Volksvertretung  wiederherstellte,  da  verband  er  für  immer
und  unauflöslich  die  Schicksale  Preußens  mit  den  Schicksalen  des  Deutschen
Reiches.  In  dieser  Einheit  ruht  die  Zukunft  der  Nation.  Diese  Einheit,
das  betone  ich  nicht  nur  vor  dem  Inlande,  sondern  auch  vor  dem  Auslande,
  —  diese  Einheit  wird  weder  durch  auswärtige  Angriffe,  noch  durch
innere  Kriesen  je  wieder  zerstört  werden  können.  (Stümischer,  anhaltender
Beifall.)

Nach  kurzer  weiterer  Debatte  wird  über  die  Anträge  zur  Wahlrechtsfrage
  abgestimmt.  Zunächst  wird  ein  Antrag  Graf  Hompesch  (Z.)
wegen  Schutz  des  Wahlrechts  angenommen,  ebenso  ein  Antrag  Heinze,
daß  das  Reich  die  Wahlurne  liefern  soll.  Abgelehnt  wird  der  Antrag  der
Sozialdemokraten  auf  Einführung  des  allgemeinen  gleichen,  geheimen  und
direkten  Wahlrechts  für  alle  über  zwanzig  Jahre  alten  Reichsangehörigen
ohne  Unterschied  des  Geschlechts  nach  Maßgabe  der  Verhältniswahl  gegen
die  Stimmen  der  Sozialdemokraten  und  einiger  Freisinnigen  (Potthoff,
Naumann).  Der  Antrag  Hompesch  auf  Gewährung  des  Koalitionsrechtes
für  die  Reichsbeamten  wird  gegen  die  Stimmen  der  Rechten  angenommen.

Europäischer  Geschichtskalender.  XLIX.  6