Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

410  Dentsqes  Reich.  (April  16.)

und  Dankbarkeit  ins  Gesicht,  sondern  verfolgt  damit  auch  eine  sehr  kurzsichtige
  Politik.  Abgesehen  davon,  daß  Brasilien  infolge  der  verlogenen
Propaganda  der  Entente,  der  hinreichend  entgegenzutreten  wir  wegen  der
Unterbindung  des  Verkehrs  mit  den  überseeischen  Ländern  außerstande  waren,
sich  anscheinend  darüber  im  Irrtum  befindet,  zu  wessen  Gunsten  sich  die
Schale  in  dem  Weltkrieg  schließlich  senken  wird,  schadet  es  auch  sonst  seinen
eigensten  Interessen  durch  sein  Borgehen.  Indem  es  sich  den  Ver.  Staaten
anschließt,  fördert  es  ihre  seit  vielen  Jahren  beharrlich  verfolgten  ehrgeizigen
  panamerikanischen  Pläne,  die  auf  eine  Beherrschung  des  ganzen
amerik.  Kontinents  durch  die  Union  hinauslaufen.  Brasilien  wird  zu  seinem
Schaden  später  erkennen,  daß  diese  Bevormundung,  die  namentlich  eine
Fesselung  und  Beeinträchtigung  seines  blühenden  Aus-  und  Einfuhrhandeis
mit  den  großen  europäischen  Ländern  zugunsten  der  Nordamerikaner  zur
Folge  haben  wird,  nicht  gerade  zu  seinem  Vorteile  ausschlagen  wird.  Zunächst
  hat  Brasilien  lediglich  den  Abbruch  der  Beziehungen,  nicht  aber  den
Kriegszustand  angekündigt.  Es  ist  aber  nicht  ausgeschlossen,  daß  es  auch
hierin  dem  Präsidenten  Wilson  Gefolgschaft  leisten  wird.  Auch  ein  solcher
Entschluß  könnte  Deutschland  kühl  lassen.  Sollte  sich  Brasilien  auf  Betreiben
der  Entente  an  den  in  seinen  Häfen  liegenden  deutschen  Schiffen  oder  an
den  Personen  und  dem  Hab  und  Gut  der  deutschen  Kaufleute  und  Kolonisten
  vergreifen,  so  möge  es  sich  bewußt  sein,  daß  Deutschland  solche
Handlungsweise  nicht  vergessen  und  früher  oder  später  Mittel  und  Wege
finden  würde,  das  Land  hierfür  verantwortlich  zu  machen.

10.  April.  (Berlin.)  Beginn  von  Teilstreiks  in  den  Metall-,
Holz=  und  Transportbetrieben  Großberlins.

Bei  der  Kontrolle  des  Metallarbeiterverbandes  melden  sich  210000
Streikende  aus  etwa  300  Betrieben;  im  ganzen  streiken  ungefähr  250000  Mann.

Ueber  den  ersten  Tag  des  Streiks  berichtet  die  „B.  Z.  am  Mittag“:
Die  Arbeiter  erschienen  teils  gar  nicht,  teils  entfernten  sie  sich  nach  der
Frühstückspause.  In  den  großen  Munitionsfabriken  wurde  jedoch  die  Arbeit
von  fast  allen  Arbeitern  ausgenommen,  und  diese  Betriebe  erfuhren  keine
Stockung.  Der  geschäftliche  Verkehr  wickelte  sich  wie  gewöhnlich  ab.  Bon
einem  allgemeinen  Streik  kann  keine  Rede  sein.  Die  darauf  abzielende
Agitation  einzelner  extremer  Wirrköpfe  kann  als  vollständig  mißglückt  angesehen
  werden.  Irgendwelche  Forderungen  sind  von  den  Streikenden
nirgends  erhoben  worden.  An  einzelnen  Stellen  wurden  Flugblätter  pazifistischen
  Inhalts  verteilt.  Die  Arbeitsniederlegungen  hatten  zum  Teil  auch
Ansammlungen  und  Straßenumzüge  zur  Folge.  In  den  Außenbezirken
formierten  sich  ganze  Trupps  von  Streikenden,  die  nach  den  Hauptzugangsstraßen
  zur  Innenstadt  strömten.  Hier  stießen  sie  auf  Schutzmannsketten,
die  ihnen  den  Weg  versperrten.  Einzelnen  Abteilungen  gelangen  es  jedoch,
in  die  Innenstadt  zu  kommen,  wo  sie  ruhig  ihres  Weges  zogen.  Zu  Rubestörungen
  ist  es  nicht  gekommen.  Versammlungen,  die  in  einer  Anzahl  von
Lokalen  stattfanden,  hatten  ebenfalls  einen  ruhigen  Verlauf.

Durch  Vermittlung  des  Oberbürgermeisters  von  Berlin  Wermuth
kommt  es  am  16.  nachm.  zu  einer  Besprechung  zwischen  Bertretern  der
Streikenden  und  den  für  die  Ernährungsfragen  zuständigen  Staatsbehörden.
Nach  längeren  Verhandlungen  wird  eine  Einigung  auf  Grund  folgender
Zusicherung  an  die  Arbeiter  erzielt:  Der  Staatskommissar  für  Volksernährung,
  Exz.  Michgelis,  hat  in  der  heutigen  Besprechung  seine  Erklärungen
  in  der  Freitagsverhandlung  (s.  S.  105  f.)  wiederholt,  daß  hinsichtlich
der  wichtigsten  Nahrungsmittel,  nämlich  des  Brotes,  des  Fleisches  und  der
Kartoffeln,  die  Sicherheit  geboten  sei,  daß  die  jetzt  für  die  nächsten  Monote