Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beuisches  Reich.  (August  25.)  775

den  kann.  Ich  bin  überzeugt  und  habe  auch  die  Zustimmung  sämtlicher
Bertreter  der  Fraktionen  dazu  bekommen,  daß  in  diesen  vertrauensvollen
Beratungen  im  engen  Kreise  die  Anbahnung  eines  wesentlichen  Fortschrittes
liegt.  Es  ist  selbstverständlich  Aufgabe  der  Vertrauensmänner  jeder  Partei,
daß  sie  die  Besprechung  im  Sinne  ihrer  Partei  zu  erledigen  haben.  Das
ist  ohne  weiteres  anzuerkennen.  Gerade  dadurch  soll  ja  auch  die  engere
Fühlung  zwischen  der  Regierung  und  den  Parteien  hergestellt  werden.  Der
Führer  der  Partei  soll  in  die  Kommission  geschickt  werden,  dann  besteht
die  Gewähr  dafür,  daß  er  in  dubio  die  Meinung  seiner  Partei  zum  Ausdruck
  bringt.  Damit  ist  die  Sicherheit  gegeben,  daß  die  Verhandlungen
fruchtbar  sind  und  die  Sache  stets  nach  irgendeiner  Seite  hin  fördern.  Es
versteht  sich  von  selbst,  daß  die  Führer  sich  mit  ihren  Parteien  im  engen
Einvernehmen  halten;  denn  nur  dann  kann  man  erwarten,  daß  sich  die
Parteien  im  allgemeinen  auch  zu  dem  bekennen  werden,  was  besprochen
worden  ist.  Ich  glaube,  daß  es  zweckmäßig  ist,  die  Ausschußverhandlungen
in  dieser  Weise  auszubauen.  Mir  liegt  vorerst  daran,  in  der  Zusammenarbeit
  mit  den  Vertrauensmännern  der  großen  Parteien  die  schwebenden
Fragen  ihrer  Lösung  näher  zu  bringen.  Damit  dürften  die  Bedenken  ausgeschaltet
  sein,  die  hier  geäußert  worden  sind.  Es  ist  als  ein  Scherz  bezeichnet
  worden,  daß  man  einen  Reichstagsabgeordneten  als  Minister  nach
Preußen  setzte  und  einen  preuß.  Landtagsabg.  als  Staatssekretär  in  ein
Reichsamt  übernommen  habe.  Für  den  Posten  des  preuß.  Justizministers
mit  seiner  Verantwortung  für  die  gesamte  praktische  Rechtspflege,  für  das
Heer  der  Beamten  und  den  instanzenmäßigen  Gang  der  Rechtsaufsicht
mußte  ich  einen  Beamten  mit  einer  amtlichen  Vergangenheit  des  Herrn
Spahn  bekommen,  das  Reichsjustizamt  dagegen  hat  sich  nur  mit  gesetzgeberischen
  Aufgaben  zu  beschäftigen  und  wird  dies  künftig  in  ganz  besonderer
  Weise  zu  tun  haben.  Dorthin  gehörte  ein  Mann,  der  im  praktischen
  Leben  besonders  bewährt  und  infolge  der  engen  Fühlung  mit  den
weileren  Volkskreisen  und  mit  deren  Bedürfnissen  gründlich  vertraut  ist.
Die  Personenwahl  ist  also  nach  wohl  erwogenen  sachlichen  Gründen  erfolgt.
Zu  Scherzen  habe  ich  weder  Veranlassung  noch  Neigung  gehabt.

Abg.  Ledebour  (U.  Soz.)  erklärt  sich  von  dem  vorgeschlagenen  Gremium
  nicht  für  befriedigt.  Dabei  komme  nichts  heraus.  Seine  Freunde
würden  keinesfalls  derartigen  politischen  Hokuspokus  mitmachen.

Abg.  Graf  v.  Westarp  (Kons.)  hebt  hervor,  seine  Freunde  betrachteten
die  Veränderungen  in  der  Regierung  von  dem  Gesichtspunkte  aus,  daß  sie
allein  aus  der  Entscheidung  des  Kaisers  hervorgegangen  seien;  das  billigten
sie.  Er  kritisiere  daher  auch  nicht  die  Auswahl  der  Persönlichkeiten  und
stelle  nur  gegenüber  entgegenstehenden  Behauptungen  fest,  daß,  während
ausgesprochene  Parteimänner  anderer  Parteien  ernannt  worden  seien,  das
hinsichtlich  der  kons.  Partei  nicht  geschehen  sei.  Er  lehne  überhaupt  den
Gedanken  ab,  daß  ein  Minister,  Staats-  oder  Unterstaatssekretär  sein  Amt  als
Vertrauensmann  oder  gar  Vertreter  seiner  Partei  versehe.  Zu  billigen  sei
es,  daß  die  Kommission  nicht  als  parlamentarische  Einrichtung  gedacht
sei  und  daß  die  einzelnen  Mitglieder  nicht  als  Vertreter  des  Reichstags
zur  Ausübung  von  Rechten  des  Reichstags  unter  Festlegung  ihrer  Partei
berufen  würden.  Die  politische  Gefahr,  daß  gleichwohl  die  Mehrheitsparteien
  die  Kommission  als  ein  Mittel  auszunützen  suchen  würden,  um
die  Führung  an  sich  zu  reißen,  wünsche  er  vermieden  zu  sehen.  Auch  er
betrachte  diese  Kommission  nur  als  einen  einmaligen  Versuch,  an  dem  seine
Freunde  sich  zu  beteiligen  bereit  seien.  #

Abg.  Warmuth  (Disch.  Fr.)  wünscht,  daß  sich  ein  gangbarer  Weg
fände,  den  Artikel  9  der  Reichsverfassung  so  zu  ändern,  daß  zur  Regierung