106 Dentsqes Rei. (Febr. 25. —März 1.)
darf und kann sich also nur auf dem Boden des Selbstbestimmungsrechts
der Völker aufbauen. In diesem Sinne deckt sich der Ostfriede durchaus
mit der Juliresolution; es wird von der Ausführung abhängen, welche
Haltbarkeit er haben wird. Der Reichskanzler hat gegenüber dem Präsidenten
Wilson eine vorbehaltlose Erklärung gegeben, die wir begrüßen. gen
v. Heydebrand machte dagegen die Einschränkung „wie ich sie auffasse“,
eine Einschränkung, die sich in diesem Kriege schon als sehr verhängnisvoll erwiesen
hat. Die Rede des Herrn v. Heydebrand würde noch verhängnisvoller
wirken, wenn sie nicht klar gezeigt hätte, daß er jetzt nur die Minderheit
vertritt. Früher sagte man: in Deutschland regiert der ungekrönte König
Heydebrand. Jetzt ist es ja anders geworden. Herr v. Heydebrand hatte
nur Angst, daß ja kein neues Friedensangebot von uns ergehe. Ich verstehe
diese geradezu hysterische Angst vor Friedensangeboten nicht. (Beifall im
Zentrum. — Zuruf r.: Sie verlängern den Krieg!) Im Gegenteil, man
sollte jede Gelegenheit benutzen, die sich bietet, den Frieden herbeizuführen.
Ist es denn Schwäche, wenn man dem furchtbaren Blutvergießen endlich
ein Ende setzen will? Der Reichskanzler hat gutgetan, daß er eine direkte
Einladung an die belg. Regierung in Le Havre gehen ließ. Herr v. Heydebrand
hat aber die Reichskanzlerrede in einer Weise interpretiert, die nicht
unwidersprochen bleiben kann. Er sagte, daß Deutschland die militärische,
politische und wirtschaftliche Oberhoheit über Belgien haben müsse, daß
Deutschland die flandrische Küste haben und die flämische Frage im Sinne
Deütschlands regeln müsse. Diese Interpretation halte ich für absolut falsch. Sie
würde direkt kriegsverlängernd wirken. Unterschätzen Sie nicht die internationale
Tragweite des belgischen Problems. Hüten Sie sich, diesem
Liebling der Welt ein Unrecht zuzufügen. Jeder neutrale Staat fühlt sich
selbst getroffen, wenn Deutschland Belgien gegenüber Machtpolitik treiben
wollte. Ich bedauere, daß die Völker nicht ohne Zensur selbst miteinander
sprechen können. Von den großen, hochinteressanten Friedensdebatten im
engl. Unterhause am 14. Febr. d. Is. ist fast kein Wort an die deutsche
Presse gelangt. Diese Debatten waren aber insofern von größter Bedeutung,
als die Angehörigen aller engl. Parteien, darunter auch ein aktiver engl.
Oberst von der Front, sich sehr nachdrücklich für einen Frieden der Berständigung
aussprachen. (Rufe rechts: Das ist die Wirkung des U-Bootkrieges.)
Die Politik Lloyd Georges ist in England durchaus nicht mehr von jener
Einmütigkeit getragen wie einst. In Paris ist man schon sehr besorgt, ob
nicht Lloyd George, um seine Stellung zu halten, auch ausgesprochene Pazifisten
wie Trevelyan in sein Kabinett ziehen wird. Clemenceau ist sich
darüber klar, daß England nicht à tout prix alles mitmacht, was Frankreich
will. In England findet eine Friedensbewegung nach der anderen statt, in
Frankreich wird jeder eingesperrt, der vom Frieden spricht. Daß Wilson
mit der Versailler Kriegszielerklärung nicht einverstanden ist, ist eine ganz
offenkundige Tatsache. Aufgabe unserer Diplomatie wird es sein, unter
Berücksichtigung dieser Strömungen ihre Arbeit zum Wohle des Vaterlandes
und der ganzen Welt zu tun. Heydebrands Forderungen in bezug auf
Belgien sind für die Sicherheit und das Wohlergehen Deutschlands nicht
erforderlich. Ich habe das Vertrauen zu unserem Volk, daß es seine Wirtschaftsmacht
nach dem Kriege wieder hochbringen wird, ohne daß es dazu
der Vergewaltigung eines Nachbarvolkes bedarf. Die Heydebrandsche Interpretation
widerspricht auch dem Gedanken des Rechts. Wir haben der Erklärung
Bethmann Hollwegs v. 4. Aug. zugestimmt, weil der erste Satz, daß wir
Belgien Unrecht getan hätten, wieder aufgehoben wurde durch den Nachsaß
Not kennt kein Gebot! Diese Notwehr gab uns das Recht in unsere Hand.
Sobald aber der Notstand wegfällt, hört auch die Notwehr auf, und wir