Metadata : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1903. (94)

398

rrankreich.

zusetzen;  für  Verfassungsfragen  hatte  man  im  Februar  keine  Zeit.  Schon  die
Thatsache,  daß  die  Frage  der  konstituirenden  Gewalt  auf  dieser  Tribüne  ventilirt
  wird,  genügt,  dieses  Recht  in  Zweifel  zu  ziehen.  (Unterbrechung.)  Einer
der  vielen  Abgeordneten,  die  mich  unterbrechen,  weist  mir  triumphirend  die
Gesetzsammlung  vor  und  das  Dekret,  in  dem  wir  am  8.  Sept.  selbst  Wahlen
für  eine  Konstituante  ausschrieben.  Damals  war  Paris  noch  nicht  belagert
und  in  ungehinderter  Verbindung  mit  dem  übrigen  Frankreich,  und  da  konnten
allerdings  noch  Wahlen  für  eine  Konstituante  in  unumschränkter  Freiheit  stattfinden.
  Im  Februar  war  aber  nur  von  Krieg  oder  Frieden  die  Rede,  so
zwar,  daß  auf  denselben  Kandidatenlisten  anerkannte  Monarchisten  neben  notorischen
  Republikanern  standen,  womit  die  Wähler  doch  wahrhaftig  nicht
sagen  wollten,  daß  sie  zugleich  für  die  Republik  und  die  Monarchie  wären.
(Ancel:  Man  einigte  sich  gern  in  dem  Wunsche,  Sie  zu  beseitigen!)  Ich
bleibe  dabei,  daß  Sie  nicht  die  Verwegenheit  haben  werden,  die  konstituirende
Gewalt  auszuüben;  thäten  Sie  es  und  erklärten  Sie  sich  selbst  für  die  Republik,
  so  würde  ich  dieselbe  aus  den  Händen  einer  inkompetenten  Versammlung
nicht  annehmen  wollen.  (Stimmen  rechts:  Was  haben  Sie  denn  am  4.
September  gemacht?  Damals  haben  Sie  für  sich  allein  die  Republik  proklamirt,
  und  in  einem  Augenblicke,  da  es  galt,  den  Feind  zu  vertreiben.
Belcastel:  Der  4.  September  war  ein  Moajestätsverbrechen  gegen  die  Nation!)
Ich  muß  mich  wundern,  hier  auf  so  starken  Widerspruch  zu  stoßen,  wenn  ich
behaupte,  daß  eine  Konstitution,  um  dauerhaft  zu  sein,  in  ihrer  Wurzel  vor
Anfechtungen  geschützt  sein  muß.  Gleichwohl  drängt  die  Zeit.  Das  Land  verzehrt
  sich  im  Unbehagen,  der  Feind  lagert  noch  auf  unserem  Gebiet,  und
Europa  blickt  auf  uns  mit  Hochmuth  und  Verachtung  herab.  Wir  dürfen
nicht  länger  zögern,  an  das  allgemeine  Stimmrecht  zu  appelliren.  (Baron
Eschasserieaux:  Mit  oder  ohne  Ausschließung  von  Kandidaten?  Herr
Buisson:  Ein  ernster  Mann  behält  im  Gedächtniß,  was  er  selbst  gethan
hat;  Sie  aber,  Hr.  Gambetta,  scheinen  es  zu  vergessen!)  Meine  Kräfte  sind
wirklich  erschöpft;  ich  kann  mich  nicht  in  einen  Wortstreit  mit  jedem  Einzelnen
einlassen,  und  da  ich  meine  Rede  nicht  vollenden  kann,  so  lassen  Sie  mich  Ihnen
nur  noch  sagen:  Das  Land  hat  sein  Auge  auf  Sie  gerichtet,  Sie  werden  sich
der  Auflösung  nicht  entziehen  können,  auch  wenn  Sie  nicht  den  Muth  haben,
derselben  entgegenzukommen.  Die  Auflösung  ist  der  Richterspruch,  welchen  das
Land  über  Ihre  Ansprüche  und  Anmaßungen  schon  gefällt  hat.  (Beifall  links,
Unruhe.)  Die  Debatte  wird  geschlossen  und  der  erste  Erwägungsgrund  mit
434  gegen  225  Stimmen  angenommen.  Noch  während  des  Skrutiniums
bringen  Quinet,  Gambetta,  Blanc  und  Gen,  den  Antrag  ein,  es  solle  auf  den
3.  Sonntag  des  Januar  1872  die  Wahl  einer  neuen  Nationalversammlung
ausgeschrieben  werden.  Die  für  denselben  verlangte  Dringlichkeit  wird  jedoch
mit  großer  Mehrheit  abgelehnt.

(31.  Aug.)  Bezüglich  des  zweiten  Erwägungsgrundes  findet  Amédée  de
Lefävre-Pontalis,  daß  man  in  diesem  Satze  mit  klangvollen  Worten
Mißbrauch  treibe:  die  Arbeit,  die  Industrie  und  der  Handel  seien  des  ewigen
Verfassungsspieles  müde  und  wollten  Nuhe  und  maßvolle  Freiheit  nach  innen,
eine  gute  Politik  und  gute  Allianzen  nach  außen.  Diese  Vorlage  habe  denn
auch  in  der  Handelswelt  statt  Hoffnungen  nur  neue  Besorgnisse  hervorgerufen,
und  dieselbe  hätte  es  viel  lieber  gesehen,  wenn  man  einfach  dem  Programm
von  Bordeaux  treu  geblieben  wäre.  Ich  will  indeß,  fährt  der  Redner  fort,
noch  das  Beste  hoffen;  ich  will  annehmen,  daß  wir  in  Zukunft  nicht  mehr  die
der  Regierung  befreundeten  Blätter  die  Nationalversammlung  unauphörlich  angreifen
  sehen  und  nicht  mehr  Worte  hören  werden,  welche  zur  Verachtung  der
Nationalversammlung  aufreizen  könnten.  (Lärm  links.)  Jules  Favre:
Eine  solche  Behauptung  kann  nicht  gestattet  werden.  Niemand  hat  hier  zur
Verachtung  der  Nationalversammlung  aufgereizt;  wohl  aber  könnten  ihr  Reden,
wie  diese,  in  einem  gewissen  Grade  schaden.  Lefsbre=  Pontalis  schließt,