Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Zweiter Jahrgang. 1861. (2)

Angerdeutsche  Länder  —  Frankreich.  181

aus  Rom,  nach  der  andern  den  Antrag,  die  Worte  „Widerstand
(Roms)  gegen  weise  Rathschläge“  zu  unterdrücken  (mit  161  gegen
90  Stimmen).  Die  ganze  Adresse  wird  mit  212  gegen  13  Stimmen
angenommen.

23.  März.  Antwort  des  Kaisers  auf  die  Adresse  des  legislatiren

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Körpers:  ·
»  danke  der  Kammer  für  die  Gefühle,  welche  sie  mir  ausdrückt,  und
für  das  Vertrauen,  welches  sie  in  mich  setzt.  Wenn  dieses  Vertrauen  mich
ehrt  und  mir  schmeichelt,  so.  halte  ich  mich  dessen  für  würdig  durch  meine
beständige  Sorgfalt,  die  Fragen  von  dem  Gesichtspunkte  der  wahren  Interessen
  Frankreichs  aus  zu  betrachten.  Seiner  Epoche  angehören,  von  der
Vergangenheit  alles  erhalten,  was  sie  Gutes  besaß,  die  Zukunft  vorbereiten,
indem  man  den  Gang  der  Ciwvllisation  von  den  Vorurtheilen,  welche  ihn
hemmen,  ooder  den  Utopien,  welche  ihn  kompromittiren,  befreit:  auf  diese
Weise  hinterlassen  wir  unsern  Kindern  ruhige  und  segensreiche  Tage.  Ungeachtet
  der  Lebhaftigkeit  der  Discussion  bedauere  ich  keineswegs,  die  großen
Staatskörper  sich  mit  den  so  schwierigen  Fragen  der  äußern  Politik  befassen
zu  sehen.  Das  Land  gewinnt  dadurch  in  vielen  Beziehungen.  Diese  Debatten
unterrichten  es,  ohne  es  beunruhigen  zu  können.  Ich  werde  immer  glücklich
  sein,  glauben  Sie  es  wohl,  mich  mit  Ihnen  in  Uebereinstimmung  zu
finden.  Aus  derselben  Volkswahl  hervorgegangen,  von  denselben  Gefühlen
beseelt,  wollen  wir  uns  gegenseitig  helfen,  mit  einander  für  die  Größe  und
die  Wohlfahrt  rankreichs  zu  wirken“.

Brief  des  Prinzen  Lucian  Murat  als  neapolitanischen  Kronprätendenten

  an  einen  neapolitanischen  Herzog:

„Die  verschiedenen  Parteien,  welche  sich  um  Italien  streiten,  sind  bereit,
den  Kampf  zu  beginnen,  und  man  versichert  mich,  daß  die  Wünsche  des
Königreiches  beider  Sicilien  sich  sehnsüchtig  mir  zuwenden.  Es  ist  daher
gut,  daß  ich  Ihnen  und  Allen,  welche  ihre  Hoffnung  auf  mich  setzen,  meine
Ansicht  mittheile.  Ich  habe  mehrmals  und  namentlich  zu  Anfang  der
Annexionen  erklärt,  daß  ich  niemals  ein  Hinderniß  für  die  Einheit  Italiens
sein  würde  und  ich  habe  mein  Versprechen  gehalten.  Aber  diese  Einheit
kann  auf  verschiedene  Weise  aufgefaßt  und  in  das  Leben  gerufen  werden.
Es  gibt  eine  bundesstaatliche  Einheit,  welche  der  geschichtlichen  Entwickelung
und  dem  Geiste  Italiens  entspricht,  und  es  glbt  eine  centralisirte  Einheit,
die  aus  den  utopischen  Bewegungen  der  Verschwörer  hervorgegangen
ist..  Ich  begreife,  daß  bei  der  Möglichkeit  solcher  Unglücksfälle  und
nach  dem,  was  Sie  mir  schreiben,  das  Andenken  an  meinen  Vater  wie  ein
Hoffnungsschimmer  strahlt.  So  lange  das  Volk  in  den  beiden  Sicilien  besteht,
  wird  der  Name  Joachim  Murat  geliebt  und  verehrt  in  den  Herzen
Aller  sein,  und  ich,  sein  Sohn,  werde  mir  die  Gefahren  und  Schwierigkeiten
  zu  großer  Ehre  anrechnen,  von  denen  unter  so  manchen  Verhältnissen
die  Aufgabe,  sein  Nachfolger  zu  sein  durch  die  Wahl  des  Volkes,  umgeben
sein  dürfte.  Ich  würde  mich  dieser  so  großen  Aufgabe  nicht  unterziehen,
gälte  es  nicht,  elne  Italien  so  nothwendige  Aera  einer  fruchtbaren  polltischen
und  socialen  Umgestaltung  zu  beginnen  und  mit  dem  Willen,  die  Grundlage
  zu  einem  Gebäude  zu  legen,  welches  nicht  schwankt  wie  das  Werk  der
Annexionen,  welches  nur  von  wankenden  Stützen  getragen  wird.  Man
begründct  nicht  in  einigen  Monaten  die  Größe  der  Staaten.  Die  bewunderungswürdige
  Macht  des  französischen  Kaiserreichs  ist  die  Frucht  der
socialen  Arbeit  mehrerer  Jahrhunderte.  Gleichwie  ich  nicht  der  Einigung
Italiens  hindernd  in  den  Weg  treten  wollte,  so  werde  ich  nicht  dulden,
daß  andere  dem  Gedanken  unserer  Regierung  hindernd  in  den  Weg  treten,
indem  sie  uns  zu  verführerischen  aber  unheilvollen  Unternehmungen  ver-