Contents : Europäischer Geschichtskalender. Zweiter Jahrgang. 1861. (2)

Uebersicht  der  Ereignisse  des  Sahres  1861.  335

in  der  wiederhergestellten  siebenbürgischen  Hofkanzlei  als  in  der  siebenbürgischen
  Regierung  gab  ausschließlich  das  magyarische  Interesse  den
Ausschlag.  Bis  in  den  September  hinein  hatte  der  siebenbürgische  Hofkanzler,
  Baron  Kemeny,  die  Einberufung  eines  Landtags  —  was  den
ungarischen  Gesetzen  von  1848  von  vornherein  widersprach  —  zu  verhindern
  gewußt  und  als  die  Regierung  sich  endlich  entschloß,  den  Heofkanzler
  zu  beseitigen  und  die  Einberufung  zu  erlassen,  war  es  die  siebenbürgische
  Regierung  unter  dem  Vorsitze  des  nicht  minder  magyarisch
gesinnten  Grafen  Miko,  welche  nun  ihrerseits  durch  Benützung  der  Rechtsformen
  die  Ausführung  in  jeder  Weise  zu  hindern  wußte.  Auch  Graf
Miko  mußte,  27.  Nov.,  beseitigt  werden  und  die  Regierung  erkannte,  spit
genug,  daß  sie  die  Dinge  ganz  anders  als  in  Ungarn  und  Croatien  angteifen
  müsse,  wenn  sie  Siebenbürgen  für  die  Anerkennung  der  Februarverfassung
  gewinnen  wolle.

So  konnte  in  Oesterreich  die  Hälfte  des  Reichs  nicht  zur  Anerkennung
  der  Februarverfassung  gebracht  werden.  Die  magyarische  Race
widerstand  überall  mit  Nachdruck,  Auf  dem  Boden  des  Octoberdiploms
wie  der  Februarverfassung  war  eine  Verständigung  mit  ihren  Forderungen
geradezu  unmöglich;  mit  der  Auflösung  des  ungarischen  Landtags  wurden
auch  alle  Unterhandlungen  vorerst  vollkommen  abgebrochen  und  es  ist  zur
Zeit  sogar  nicht  abzusehen,  wann  und  wie  sie  wieder  aufgenommen  werden
können.  Beide  Theile  stehen  sich  wartend  gegenüber.  Die  Regierung
hofft,  daß  die  Ungarn  am  Ende  sich  doch  noch  fügen  werden  und  die
Geschichte  Ungarns  bietet  mehrere  Vorgänge,  die  diese  Heffnung  als  nicht
ganz  unmöglich  erscheinen  lassen;  die  Ungarn  ihrerseits  setzen  der  Regierung
  passiven  Widerstand  entgegen  und  gewärtigen  die  Ereignisse.  Inzwischen
  entschloß  sich  die  österr.  Regierung  zu  Ende  des  Jahres  selbst
dem  engern  Reichsrathe  das  Budget  des  Gesammtstaates  zur  Prüfung
und  Beschlußfassung  vorzulegen.  «

Eine  ähnliche  Schwierigkeit  wie  Ungarn  für  Oesterreich  ist  Polen
für  Rußland.  Durch  die  Ereignisse  in  den  ersten  Tagen  des  April  war
den  politischen  Demonstrationen  in  Warschau  und  in  den  übrigen  Städten
des  Landes  ein  Ziel  gesteckt,  die  halb-revolutionären  Erscheinungen  hatten
ein  Ende,  ein  gemäßigter  Belagerungszustand  trat  an  ihre  Stelle.  Allein
die  nationale  Bewegung  war  damit  nur  zusammengepreßt,  nicht  erstickt.
Von  den  Straßen,  aus  dem  landwirthschaftlichen  Verein,  dem  Stadthause
und  der  kaufmännischen  Reseurce  flüchtete  sie  sich  jetzt  in  die  Kirchen  und