Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zehnter Jahrgang. 1894. (35)

126  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juni  4.)

hatte,  fand  ich  schon  nach  wenigen  Wochen,  welche  der  Beratung  über  die
Ausführung  jener  Absicht  gewidmet  waren,  in  einer  Zeitung  die  Klage,
daß  schon  wieder  Wochen  vergangen  seien,  ohne  daß  die  Lösung  der  Währungsfrage
  ihrem  Ziele  näher  gerückt  sei  und  erst  kürzlich  las  ich  den  Vorwurf,
  die  Enquete  sei  nichts,  als  eine  Maßregel  zur  Verschleppung  der
Währungsfrage.  Man  mag  in  dieser  Streitfrage  zu  den  Hoffnungsfreudigen
oder  zu  den  Zweifelnden  gehören,  so  wird  man  doch  zugestehen  müssen,  daß
Uebelstände  auf  monetärem  Gebiete,  schon  im  Hinblick  auf  unseren  internationalen
  Verkehr,  außerordentlich  schwer  zu  beseitigen  sind,  selbst  dann,
wenn  man  ihre  letzten  Ursachen  richtig  erkannt  haben  sollte,  daß  man  mit
solchen  monetären  Fragen  —  soweit  man  auch  in  der  Bemessung  ihrer
Tragweite  gehen  mag  —  nicht  wirtschaftliche  Mißstände  identifizieren  darf,
die  bei  vorurteilsfreier  Beurteilung  immer  nur  teilweise  auf  das  Wesen
des  Geldumlaufs  zurückzuführen  sein  dürften  und  daß  selbst  dann,  wenn
der  Versuch  internationaler  Vereinbarungen  auf  entsprechend  begrenztem
Gebiete  Aussicht  auf  Erfolg  bieten  sollte,  es  großer  Besonnenheit  und  Mäßigung
  aller  Beteiligten  bedürfen  würde,  wenn  nicht  Befürchtungen  und  Zweifel
hervorgerufen  werden  sollen,  die.  selbst  beim  Mangel  jeder  sachlichen  Berechtigung
  doch  eine  Rückwirkung  auf  unser  Kreditwesen  und  damit  auf
unser  Erwerbsleben  zu  üben  geeignet  wären.  Die  Frage  der  Silberentwertung
  ist  keine  parteipolitische,  sondern  eine  rein  wirtschaftliche,  durch
welche  bei  der  Solidarität  wirtschaftlicher  Interessen  gewisse  Zweige  des
Erwerbslebens  überhaupt  berührt  werden.  Die  sachkundigen  Herren,  die
diesen  Beratungen  beigewohnt  haben,  würden  sich  ein  öffentliches  Verdienst
erwerben,  wenn  sie  in  den  Kreisen  ihres  Einflusses  dazu  beitrügen,  die  Ueberzeugung
  von  der  Vielseitigkeit  der  Silberfrage  und  von  den  Schwierigkeiten
ihrer  praktischen  Lösung  zu  verbreiten  und  damit  auf  deren  sachliche  nüchterne
  Beurteilung  hinzuwirken.  Die  Reichsregierung  wird  die  in  dieser  Versammlung
  unterbreiteten  Vorschläge  einer  eingehenden  Prüfung  unterziehen.
Vorschläge,  welche  sich  als  heilsam  und  ausführbar  erweisen  sollten,  werden
die  Grundlage  weiterer  Erwägungen  bilden.

Die  auf  dem  Boden  der  Goldwährung  stehende  Presse  begrüßt  den
Ausgang  der  Konferenz  mit  Genugthunung.

Die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  schreibt  über  den  Gang  der  Verhandlungen
und  die  gemachten  Vorschläge:  Es  kommen  im  ganzen  in  Betracht  die  Vorschläge
  der  Herren  Königs,  Lexis,  Neustadt  und  Arendt.  Von  diesen  vier
Vorschlägen  liefen  die  der  Herren  Lexis  und  Königs  darauf  hinaus,  eine
beschränkte  Aus-  und  Umprägung  des  vorhandenen  Silbers  in  anderer  Relation
  vorzunehmen  und  im  übrigen  an  der  hinkenden  Goldwährung  festzuhalten.
  Diese  Vorschläge  sind  von  sämtlichen  Mitgliedern  der  Kommission
mit  Ausnahme  der  Antragsteller  als  bedenklich  beziehungsweise  als  zur  Erreichung
  des  gewünschten  Zieles  ungeeignet  bezeichnet  worden.  Der  Herr
Vorsitzende  bemerkte  zu  dem  Vorschlage  des  Professors  Lexis  besonders,  daß
demselben  wegen  seiner  feinen  Durcharbeitung  von  vielen  Seiten  Anerkennung
  gezollt  sei,  daß  aber  die  Aufgabe  der  Konferenz,  Vorschläge  zur
Hebung  und  Befestigung  des  Silberwertes  zu  machen,  damit  nicht  erreicht
werde.  Der  Antrag  Neustadt  lief  auf  eine  Regalisierung  oder  Monopolisierung
  des  Handels  in  Feinsilber  hinaus  und  zwar  für  die  ganze  Welt.
Dieser  Antrag  ist  vom  Antragsteller  selbst  zurückgezogen  und  von  der  ganzen
Kommission  als  unausführbar  bezeichnet  worden.  Nach  dem  Antrag  Arendt
endlich  sollen  die  Staaten  die  gesamte  Silberproduktion  während  eines  fünfjährigen
  Zeitraumes  für  gemeinsame  Rechnung  zu  einem  im  voraus  festzusetzenden
  Preise  ankaufen,  die  Silberbarren  in  Depot  nehmen  und  darauf
Zertifikate  ausgeben,  welche  von  allen  diesen  Staaten  zu  einem  jährlich  fest-