Full text : Lesebuch zur Geschichte Bayerns.

50.  Träume  sind  Schäume.  271

Dem  Ganzen  lag  die  Idee  einer  Huldigung  zugrunde,  welche  die  verschiedenen
  Volksstämme  der  spanischen  Monarchie  dem  Herzoge  von  Asturien,
ihrem  zukünftigen  Könige,  darbrachten.  Da  sah  man  in  den  farbenprächtigsten
Trachten  Spanier,  Italiener,  Niederländer,  jede  Nation  wieder  nach  einzelnen
Stämmen,  Ständen  und  Gewerben  gesonderte  Gruppen  bildend.  Den  meisten
Beifall  erregten  die  Indianer,  mit  Perlen  und  Federn  geschmückt,  schwere
Goldringe  in  den  Ohren  tragend.

Als  der  ganze  Zug  an  dem  über  die  sinnige  Überraschung  hocherfreuten
Fürsten  vorübergekommen  war,  formierte  er  sich  im  Hintergrunde  zu  einer
großartigen  Gesamtgruppe.  Plötzlich  teilte  sich  aufs  neue  der  Vorhang  und
von  blendendem  Lichtglanze  umstrahlt  zeigte  sich  ein  ergreifendes  Bild:  auf
sonnigem  Hügel,  fast  ganz  von  Blumen  bedeckt,  schlummerte  ein  reizender
Knabe.  ·

Beim  ersten  Blick  erkannte  man  in  ihm  den  künftigen  Herrscher  Spaniens,
Max  Emanuels  Sohn,  Joseph  Ferdinand.  Die  leise  Melodie  der  Musik,  die
bisher  den  Schlummernden  in  liebliche  Träume  gewiegt  hatte,  ging  allmählich
in  lebhaftere  Weisen  über,  der  Knabe  erwachte,  richtete  sich  auf  und  im  selben
Augenblicke  senkte  sich,  indes  die  Musik  einen  Siegesmarsch  ertönen  ließ,  von
oben  auf  rosafarbenen  Wolken  eine  liebliche  Erscheinung  hernieder,  die  Glücksgöttin
  Fortung.  Die  herrliche  Gestalt  in  wallende  Schleier  gehüllt  schwebte
auf  einer  goldenen  Kugel;  in  der  Linken  trug  sie  eine  schimmernde  Königskrone
  und  mit  holdem  Lächeln  hielt  sie  dieselbe  über  dem  blondgelockten
Haupte  des  Knaben.  Die  Rechte  aber  führte  ein  wallendes  Banner  mit  dem
Wappen  des  Hauses  Wittelsbach.

Der  Eindruck,  den  dieses  Bild  auf  alle,  insbesondere  auf  den  Kurfürsten
machte,  war  ein  ergreifender  und  lauter  Beifall  ertönte;  die  huldigenden
Gruppen  aber  beugten  unter  stürmischen  Jubelrufen  ihre  Kniee  und  begrüßend
streckten  sie  die  Arme  zu  dem  neuen  Herrscher  empor.

Beim  Souper,  das  gegen  Mitternacht  eingenommen  wurde,  wollten
einige  Gäste,  die  in  der  Nähe  des  Statthalters  saßen,  die  Wahrnehmung
machen,  daß  sich  in  den  Zügen  des  Herrschers  eine  gewisse  Unruhe  zeigte.  Die
Bemerkung  schien  nicht  ohne  Grund  zu  sein,  denn  kurz  nach  Beendigung  des
Mahles  verließ  zu  nicht  geringer  Überraschung  der  Gäste  Max  Emanuel  das
Fest;  hastigen  Schrittes  suchte  er  dem  rauschenden  Treiben  zu  enteilen.

Während  aber  das  Fest  nach  dem  Wunsche  des  Statthalters  seinen  ungestörten
  Fortgang  nahm,  begab  sich  dieser,  nur  von  einem  Kammerherrn
gefolgt,  in  die  Gemächer  eines  entlegenen  Flügels  des  Palastes,  die  der  junge
Herzog  von  Asturien  bewohnte.  Auf  der  Schwelle  eines  hell  erleuchteten
Vorzimmers  trat  dem  Kurfürsten  ein  Kammerherr  leisen  Schrittes  entgegen.

„Ich  bitte  Euer  Durchlaucht,  keine  unnötige  Erregung!  Das  Befinden
des  gnädigsten  Prinzen  hat  sich  etwas  verschlimmert.“

„Verschlimmert!  Und  das  sagt  Ihr  mir  erst  jetzt?“