Full text : Königlich Württembergisches Staats- und Regierungs-Blatt vom Jahr 1821. (16)

9.  Der  Sturz  Tassilos.  33

Dobda,  als  Abt  Wissenschaft  und  fromme  Zucht  gelehrt,  während  in  dem  der
Nonnen,  einer  Stiftung  Tassilos  III.,  die  büßende  Irmingard,  die  Tochter
Ludwigs  des  Deutschen,  als  Vorsteherin  gepriesen  und  als  Selige  verehrt
wird.  Indessen  war  hier  im  Jahre  1215  die  alte  Zucht  verfallen  und  der
Erzbischof  dachte  das  Frauenstift  aufzulösen  und  dessen  Besitz  zur  Gründung
eines  Hilfsbistums  zu  verwenden,  aber  der  Papst  bestimmte  Herrenwörth,  seit
1130  ein  Chorherrenstift,  zum  Mittelpunkt  des  kleinen  Sprengels,  der  nur
zehn,  allerdings  ausgedehnte  und  ins  Gebirge  tief  hineinreichende  Pfarreien
umfaßte,  und  ernannte  den  jeweiligen  Propst  zum  Bischof.  Da  er  aber  vom
Erzbischof  von  Salzburg  eingesetzt  und  belehnt  wurde,  erlangte  er  nie  die
Stellung  eines  Reichsfürsten.

Um  dieselbe  Zeit  hat  Kaiser  Friedrich  II.  dem  Hause  Wittelsbach
auch  die  schöne,  fruchtbare  Rheinpfalz  als  erbliches  Lehen  verliehen  und
seit  1214  herrscht  nun  auch  der  Bischof  von  Speyer  über  bayerisches  Gebiet
gleich  dem  von  Eichstätt,  während  jene  von  Würzburg  und  Bamberg  mehr
als  Grenznachbarn,  Lehensherren  und  Schutzvögte  in  Betracht  kommen.  Indessen
  wird  auch  der  Bamberger  noch  bis  in  die  Mitte  des  13.  Jahrhunderts
zu  den  Landtagen  der  Herzoge  von  Bayern  entboten,  gleich  den  Kirchenfürsten
  von  Salzburg,  Regensburg,  Freising,  Eichstätt,  Augsburg,  Passau
und  Brixen,  welche  diesem  Rufe  bis  1244  Folge  leisten,  ein  Zeichen,  daß
die  völlige  politische  Unabhängigkeit  von  der  herzoglichen  Gewalt  erst  jetzt
errungen  wurde.

9.  Der  Sturz  Tassilos.
Von  M.  Doeberl"!).

Um  die  Wende  des  5.  und  6.  Jahrhunderts  begegnen  uns  die  Bayern  in
ihren  neuen  Wohnsitzen  südlich  der  Donau.  Ihr  Gebiet  erstreckte  sich  damals
zwischen  Lech  und  Enns,  Alpen  und  Donau.  Bald  nach  ihrer  Einwanderung  erscheinen
  sie  in  politischer  Abhängigkeit  vom  merowingischen  Frankenreich.  Wann
und  wie  diese  Abhängigkeit  begann,  erzählt  keine  Quelle;  sicher  aber  ist,  daß
schon  der  Frankenkönig  Theudebert  (534—48)  eine  Art  Oberherrschaft  über  sie
ausübte

Der  bayerische  Stammesstaat  erscheint  seit  seinem  Auftreten  in  der
Geschichte  unter  Herzogen  aus  dem  Hause  der  Agilolfinger.  Die  geschichtlich
  sicher  beglaubigten  Herzoge  aus  diesem  Geschlechte  sind:  in  der  zweiten
Hälfte  des  6.  Jahrhunderts  Garibald  I.  und  Tassilo  l.;  in  der  ersten  Hälfte  des
7.  Jahrhunderts  Garibald  II.;  um  das  Jahr  700  Herzog  Theodo  mit  seinen
Söhnen  Theobald,  Theodebert  und  Grimoald  und  (dem  Sohne  oder  Enkel)
Tassilo  II.;  in  der  ersten  Hälfte  des  8.  Jahrhunderts  Hugibert  und  Oatilo,
endlich  von  748—88  Tassilo  III.

1)  Bgl.  „Entwicklungsgeschichte  Bayerns“  I.  S.  67  ff.  München  1906.  Oldenbourg.
Kronseder,  Lesebuch  zur  Geschichte  Bayerns.  3