Vier Briefe über Bismarcks socialpolit. u. volkswirtschaftl. Bedeutung. 17
Der Kampf Bismarcks mit dem Ausland und dem Parlament ist
bekannt; viel weniger noch der mit den anderen Ministern und Näten,
mit dem Hof, mit dem Könige selbst. In seiner späteren Zeit waren
seine Kollegen die Männer seiner Wahl; in den ersten 10 bis 15 Jahren
seiner Regierung mußte er mit den Männern auskommen, die er im
Amte getroffen oder die er nach ihrer Carriere, ihren Verdiensten oder
sonstigen Urfachen hatte acceptieren müssen. Ein großer Teil des höheren
Beamtentums stand ihm 1862 bis 1876 politisch und sonst fremd, ja
feindlich, mit entgegengesetzten Grundanschauungen gegenüber. Als sein
Freund Roon 1878 ausschied, klagt er, daß er mit ihm die „einzig
fühlende Brust“ verliere. Die Ressortkämpfe und die Machtlosigkeit des
Ministerpräsidenten gegenüber den anderen Ministern und Geheimen
Räten waren in den siebziger Jahren ein Lieblingsthema seiner Unterhaltung.
Es war im Jahre 1875, daß er zu mir in einem Gespräch
über solche Dinge sagte, er wolle lieber mit jeder fremden feindlichen
Macht über die schwierigsten Dinge einen Vertrag abschließen, als ein
Abkommen mit einem preußischen Kriegsminister treffen. Es ist auch
bekannt, wie er 1866 während des Krieges den Unwillen der Generale
durch den begehrten und erreichten naturgemäßen Einfluß als verantwortlicher
leitender Minister erregte und wie jene ihm einen solchen deshalb
1870 mößglichst abschneiden wollten.
Über sein Verhältnis zum Hof und zur königlichen Familie hat
Bismarck bekanntlich selbst den Ausspruch gethan, seine Leistungen gegenüber
Parlament und Ausland seien gering gegenüber denen, durch welche
er die hier vorhandenen Schwierigkeiten Üüberwunden habe. Es ist naturgemäß,
daß über diese Dinge bis jetzt wenig bekannt ist; vielleicht bringen
die Denkwürdigkeiten einigen Aufschluß darüber. Im ganzen wird erst eine
spätere Geschichtschreibung hier ganz unparteiische Aufklärungen bringen
können. Bis jetzt ist man teilweise absichtlich darüber weggeglitten, so
vor allem Sybel, der allerdings bei Lebzeiten Kaiser Wilhelms und
Bismarcks von diesen Konflikten nicht gut reden konnte, der sich aber deshalb
auch sagen lassen mußte, sein Bild Bismarcks sei eben darum wenig
zutreffend, er habe aus einem Königstiger eine zahme Hauskatze gemacht.
Ich vermag nach dieser Richtung natürlich auch nicht Enthüllungen
zu bringen. Aber eine gewisse Vorstellung über diese Kämpfe gehört
nach meiner Ansicht so notwendig zum vollen Bilde der Persönlichkeit,
daß ich wenigstens ein paar Worte und Andeutungen mir gestatten muß.
Daß die Königin Augusta in der waghalsigen Politik Bismarcks
die Wege eines Strafford und die größte Gefahr für Thron und Leben
ihres Gemahls sah, ist nicht bloß aus ihrer Eigenschaft als i-. und
Schmoller-Lenz-Marcks, Fürst Biemarck. 3. Aufl.