Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Deutsche  Sprach-  und  Sagenforschung.  311

der  Zeit  ergriffen;  selbst  die  unästhetische  Natur  des  Freiherrn  vom  Stein
blieb  davon  nicht  unberührt.  An  den  Bildern  der  heimischen  Vorzeit  er—
baute  sich  das  nationale  Selbstgefühl  und  Vorurtheil.  Nur  unter  den
Germanen  —  das  stand  dem  jungen  Geschlechte  fest  —  gedieh  die  Ur—
sprünglichkeit  persönlicher  Eigenart;  in  Frankreich  hatte  die  Natur,  wie
A.  W.  Schlegel  spottete,  freigebig  von  einem  einzigen  Originalmenschen
dreißig  Millionen  Exemplare  aufgelegt.  Nur  aus  deutscher  Erde  sprang
der  Quell  der  Wahrheit;  unter  den  Wälschen  herrschte  der  Lügengeist  —
so  hieß  jetzt  kurzerhand  Alles  was  der  romantischen  Jugend  unfrei,  langweilig,
  unnatürlich  erschien:  die  akademisch  geregelte  Kunst,  die  mechanische
Ordnung  des  Polizeistaates,  die  Nüchternheit  der  harten  Verstandesbildung.

Unter  den  Schriften  jenes  Heidelberger  Kreises  wurde  keine  so  folgenreich
  wie  des  Knaben  Wunderhorn,  die  Sammlung  alter  deutscher  Lieder
von  Arnim  und  Brentano.  Der  frische  Junge  auf  dem  Titelbilde,  wie  er
so  dahinsprengte  auf  freiem  ungesatteltem  Rosse,  das  Liederhorn  in  der
erhobenen  Hand  schwingend,  schien  gleich  einem  Herold  zum  fröhlichen
Kampfe  gegen  den  Lügengeist  zu  rufen.  Nicht  ohne  Besorgniß  sendeten
die  Freunde  diese  übelangeschriebenen  Lieder  in  die  bildungsstolze  Welt
hinaus  und  baten  Goethe  sie  mit  dem  Mantel  seines  großen  Namens  zu
decken.  Ihnen  lag  daran,  daß  Deutschland  nicht  so  verwirthschaftet  werde
wie  die  abgeholzten  Berge  am  Rhein;  sie  hofften  auf  eine  neue  Zeit  voll
Sang  und  Spiel  und  herzhafter  Lebensfreude,  wo  die  Waffenübung
wieder  die  allgemeine  höchste  Lust  der  Deutschen  wäre  und  Jedermann  so
froh  und  frei  durch  die  Welt  zöge  wie  heutzutage  nur  „die  herrlichen
Studenten“,  die  letzten  Künstler  und  Erfinder  in  dieser  prosaischen  Zeit.

Die  Sammlung  erschien  zur  rechten  Stunde;  denn  eben  jetzt  begann
Schiller's  Tell  auf  weite  Kreise  zu  wirken  und  weckte  überall  die  Empfänglichkeit
  für  die  einfältige  Kraft  der  Altvordern.  Man  fand  der  freudigen
Verwunderung  kein  Ende,  als  die  Glocken  des  Wunderhorns  mit  süßem
Schall  erzählten,  wie  überschwänglich  reich  dies  alte  Deutschland  mit  der
Gottesgabe  der  Poesie  begnadet  gewesen,  welche  Fülle  von  Liebe  und  Sehnsucht,
  Muth  und  Schelmerei  tausende  namenloser  Studenten  und  Landsknechte,
  Jäger  und  Bettelleute  in  ihren  kunstlosen  Liedern  niedergelegt
hatten.  Herder's  große  Offenbarung,  daß  die  Dichtung  ein  Gemeingut
Aller  sei,  fand  nun  erst  allgemeines  Verständniß.  Nachher  gab  v.  d.  Hagen
in  Berlin  die  Nibelungen  heraus,  und  so  schülerhaft  die  Bearbeitung  war,
die  mächtigen  Gestalten  des  grimmen  Hagen  und  der  lancrächen  Chriem-=hild
  erregten  in  der  Seele  der  Leser  doch  die  frohe  Ahnung,  daß  unser
Volk  sechshundert  Jahre  vor  Goethe  schon  einmal  eine  große  Zeit  der
Dichtung  gesehen  habe.  Noch  überwog  der  Dilettantismus.  Mittelalterlich
  und  deutsch  galt  fast  für  gleichbedeutend;  man  warf  die  grundverschiedenen
  Epochen  der  mittelalterlichen  Cultur  kritiklos  durch  einander,
und  die  Begeisterten  ließen  sich's  nicht  träumen,  daß  die  verhaßten  Fran-