Der europäische Fünfer-Ausschuß. 659
den eigentlichen Congreß"), so daß die erlauchte Versammlung gerade
vier Monate gebraucht hatte um sich nur zu constituiren. Das Ueber-
gewicht der fünf großen Mächte erzwang sich Geltung, allen Abreden
zuwider. Nunmehr fand Talleyrand selbst die Hegemonie der Groß-=
mächte nicht mehr unverträglich mit „dem öffentlichen Rechte“; keine Rede
mehr von allen den wohllautenden Gründen, womit er einst zu Be-
ginn des Congresses die Gleichberechtigung aller Staaten Europas ver-
theidigt hatte.
„Auch die preußischen Staatsmänner begannen einzusehen, daß einige
Nachgiebigkeit geboten war. Der Vertrag vom 3. Januar blieb ihnen
freilich völlig verborgen. Als die Grenzverhandlungen um jene Zeit nicht
vorwärts wollten, da haben die preußischen Bevollmächtigten einmal dem
niederländischen Minister Nagell gedroht: wenn Holland allzu widerspenstig
bleibe, so werde Preußen sich an Frankreich anschließen — was der Hol-
länder sofort, triumphirend über die arglose Unwissenheit der Preußen,
seinen englischen Freunden meldete. So wenig ahnte Hardenberg's Staats-
kanzlei, daß der Kriegsbund der Gegner bereits geschlossen war. Doch
auf die Möglichkeit eines Krieges war sie längst gefaßt; zu so vielen
anderen drohenden Anzeichen kam jetzt noch die sichere Nachricht, daß
England und Oesterreich, auf Talleyrand's Betrieb, die Pforte zu einem
Angriff auf Rußland zu bereden suchten. Man konnte sichs nicht ver-
bergen, die Einverleibung Sachsens ließ sich höchstwahrscheinlich nur durch
einen europäischen Krieg erreichen. Und war denn die Frage, ob die Alber-
tiner in Münster, Trier oder Dresden hausen sollten, wichtig genug um
deshalb das ermüdete Volk nochmals unter die Waffen zu rufen? Die
wohlmeinenden Männer der Staatskanzlei überkam doch zuweilen ein Ge-
fühl patriotischer Scham, wenn sie zurückschauten auf den jammervollen
Gang des Congresses: vier Monate unablässigen Streites, und noch kein
einziges positives Ergebniß für Deutschland gesichert! In der arg ent-
täuschten Nation stieg der Mißmuth also, daß selbst Goethe einmal zürnend
aus seiner olympischen Ruhe heraustrat. Am 2. Januar brachte eine
Jenaer Zeitung ein Gedicht des Altmeisters:
Sagt, wie schon am zweiten Tage
Sich ein zweites Fest entzündet?
Hat vielleicht willkommne Sage
Vaterland und Reich gegründet?
Nein! —
und mit diesem harten Nein ging der Alte gelassen dazu über, dem „wür-
digen und biedern“ Gothaischen Minister Frankenberg zum Jubelfeste Glück
zu wünschen. Das vornehm geringschätzige Wort des Dichters machte, wie
Varnhagen versichert, auf die Besseren der deutschen Diplomaten doch tiefen
*) So Humboldt in seinem handschriftlichen „Systematischen Verzeichniß“ der Con-
greßverhandlungen, Wien 15. Juni 1815.
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