70 II. 3. Geistige Strömungen der ersten Friedensjahre.
liebte nach Dichterart sich zuweilen sehnsuchtsvoll in selige Träume zu ver—
lieren; durch seine weichere Feder erhielten auch die Hausmärchen ihre
liebliche Form. Zwei gleichberechtigte Richtungen der Wissenschaft ver—
körperten sich in den beiden Brüdern. Des Älteren Spruch hieß: „besser
gelernt als gelehrt,“ er achtete nur das Lernen und Forschen als schöpfe—
rische Tätigkeit; der Jüngere verschmähte nicht, als Lehrer für das nähere
Bedürfnis der Wissensdurstigen zu sorgen. Die Beiden verdankten ihrer
Märchensammlung die Liebe des Volks, die dem strengen Forscher fast
niemals zu teil wird. Überall im Lande wußte man gemütliche kleine
Geschichten von dem Brüderpaare, das nur mit der Wünschelrute in den
Boden zu schlagen brauchte um den reichen Hort der alten Sagen an
den Tag zu bringen. Man erzählte von der tiefen stillen Herzenstreue
ihrer Lebensgemeinschaft: wie sie selbander so fromm und heiter durchs
Leben schritten und trotz der glühenden Liebe zum großen Vaterlande doch
von der traulichen hessischen Heimat, von den roten Bergen des Fulda—
tales sich nimmermehr trennen wollten; beide so kindlich anspruchslos
und doch so streng gegen die Modegötzen des Tages, so sicher im Urteil
über alles Hohle, Gemachte, Unwahre; wie ihre Arbeitstische im näm—
lichen Zimmer standen, und wie sie jeden neuen Fund mit harmloser
Freude einander mitteilten. Kein Kinderrätsel, kein Basengeschwätz und
kein Ammenlied war ihnen zu gering, alles gewann Leben vor ihren Augen
was aus dem Heiligtum der deutschen Sprache stammte, beim Anblick
eines alten Bruchstücks konnte Jacob das Mitleid nicht verwinden. Und
neben der schweren Arbeit brach auch der herzliche Verkehr mit guten
Menschen niemals ab; nie beirrte ein Gegensatz der Meinungen die Beiden
in der Treue ihrer Freundschaft; wie anmutig wußte Wilhelm in seinen
Briefen an die strengkatholischen Haxthausens zu plaudern, und zuweilen
fiel auch Jacob mit seinen tieferen Tönen ein. Es war ein rührendes
Bild einfältiger Größe, das auch den Rohen etwas ahnen ließ von der
sittlichen Macht der lebendigen Wissenschaft.
Jacob Grimm schätzte die Worte nur um der Sachen willen; sein
Wirken fand eine glückliche Ergänzung in den Arbeiten des Braunschweigers
Karl Lachmann, des klassisch geschulten, gestrengen Vertreters der
formalen Philologie, der die Sachen um der Worte willen trieb und die
noch unstet schweifende junge Wissenschaft in die harte Zucht der Methode
nahm. Gleich heimisch in den alten wie in den germanischen Sprachen
wurde er der Begründer der altdeutschen Textkritik und Metrik, ein Herausgeber
von unübertroffener Schärfe und Sicherheit. Was einst F. A. Wolf
über die Entstehung der homerischen Gedichte gelehrt, wendete Lachmann
auf das deutsche Epos an und versuchte, nicht ohne Gewaltsamkeit, das
Nibelungenlied in eine Reihenfolge selbständiger Lieder aufzulösen. Seit
August Zeune den Freiwilligen von 1815 seine „Zelt= und Feldausgabe
der Nibelungen“ mitgegeben hatte, begann die spielende Beschäftigung mit