Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. (25)

70  II.  3.  Geistige  Strömungen  der  ersten  Friedensjahre.

liebte  nach  Dichterart  sich  zuweilen  sehnsuchtsvoll  in  selige  Träume  zu  ver—
lieren;  durch  seine  weichere  Feder  erhielten  auch  die  Hausmärchen  ihre
liebliche  Form.  Zwei  gleichberechtigte  Richtungen  der  Wissenschaft  ver—
körperten  sich  in  den  beiden  Brüdern.  Des  Älteren  Spruch  hieß:  „besser
gelernt  als  gelehrt,“  er  achtete  nur  das  Lernen  und  Forschen  als  schöpfe—
rische  Tätigkeit;  der  Jüngere  verschmähte  nicht,  als  Lehrer  für  das  nähere
Bedürfnis  der  Wissensdurstigen  zu  sorgen.  Die  Beiden  verdankten  ihrer
Märchensammlung  die  Liebe  des  Volks,  die  dem  strengen  Forscher  fast
niemals  zu  teil  wird.  Überall  im  Lande  wußte  man  gemütliche  kleine
Geschichten  von  dem  Brüderpaare,  das  nur  mit  der  Wünschelrute  in  den
Boden  zu  schlagen  brauchte  um  den  reichen  Hort  der  alten  Sagen  an
den  Tag  zu  bringen.  Man  erzählte  von  der  tiefen  stillen  Herzenstreue
ihrer  Lebensgemeinschaft:  wie  sie  selbander  so  fromm  und  heiter  durchs
Leben  schritten  und  trotz  der  glühenden  Liebe  zum  großen  Vaterlande  doch
von  der  traulichen  hessischen  Heimat,  von  den  roten  Bergen  des  Fulda—
tales  sich  nimmermehr  trennen  wollten;  beide  so  kindlich  anspruchslos
und  doch  so  streng  gegen  die  Modegötzen  des  Tages,  so  sicher  im  Urteil
über  alles  Hohle,  Gemachte,  Unwahre;  wie  ihre  Arbeitstische  im  näm—
lichen  Zimmer  standen,  und  wie  sie  jeden  neuen  Fund  mit  harmloser
Freude  einander  mitteilten.  Kein  Kinderrätsel,  kein  Basengeschwätz  und
kein  Ammenlied  war  ihnen  zu  gering,  alles  gewann  Leben  vor  ihren  Augen
was  aus  dem  Heiligtum  der  deutschen  Sprache  stammte,  beim  Anblick
eines  alten  Bruchstücks  konnte  Jacob  das  Mitleid  nicht  verwinden.  Und
neben  der  schweren  Arbeit  brach  auch  der  herzliche  Verkehr  mit  guten
Menschen  niemals  ab;  nie  beirrte  ein  Gegensatz  der  Meinungen  die  Beiden
in  der  Treue  ihrer  Freundschaft;  wie  anmutig  wußte  Wilhelm  in  seinen
Briefen  an  die  strengkatholischen  Haxthausens  zu  plaudern,  und  zuweilen
fiel  auch  Jacob  mit  seinen  tieferen  Tönen  ein.  Es  war  ein  rührendes
Bild  einfältiger  Größe,  das  auch  den  Rohen  etwas  ahnen  ließ  von  der
sittlichen  Macht  der  lebendigen  Wissenschaft.

Jacob  Grimm  schätzte  die  Worte  nur  um  der  Sachen  willen;  sein
Wirken  fand  eine  glückliche  Ergänzung  in  den  Arbeiten  des  Braunschweigers
  Karl  Lachmann,  des  klassisch  geschulten,  gestrengen  Vertreters  der
formalen  Philologie,  der  die  Sachen  um  der  Worte  willen  trieb  und  die
noch  unstet  schweifende  junge  Wissenschaft  in  die  harte  Zucht  der  Methode
nahm.  Gleich  heimisch  in  den  alten  wie  in  den  germanischen  Sprachen
wurde  er  der  Begründer  der  altdeutschen  Textkritik  und  Metrik,  ein  Herausgeber
  von  unübertroffener  Schärfe  und  Sicherheit.  Was  einst  F.  A.  Wolf
über  die  Entstehung  der  homerischen  Gedichte  gelehrt,  wendete  Lachmann
auf  das  deutsche  Epos  an  und  versuchte,  nicht  ohne  Gewaltsamkeit,  das
Nibelungenlied  in  eine  Reihenfolge  selbständiger  Lieder  aufzulösen.  Seit
August  Zeune  den  Freiwilligen  von  1815  seine  „Zelt=  und  Feldausgabe
der  Nibelungen“  mitgegeben  hatte,  begann  die  spielende  Beschäftigung  mit