Die Notabeln. Voß-Buch. 237
7 Edelleute, 9 Bürger, ein bäuerlicher Gutsbesitzer u. s. w. Begreiflich
also, daß Präsident Schönberg den Zweifel äußerte, „ob die Einberufenen
wirklich alle Wünsche der Provinzen zur Sprache gebracht hätten“. Die
altständische Partei war durch einige ihrer thätigsten Führer vertreten. Vom
märkischen Adel kamen Rochow-Rekahn und Quast, zwei sehr angesehene
Männer, Beide so hoch conservativ, daß Marwitz sie sich als branden-
burgische Provinzialminister dachte; vom westphälischen die alten Kämpen
Merveldt, Hövel, Romberg; vom schlesischen Herr v. Lüttwitz, der soeben
als Schriftsteller für die Adelsinteressen auftrat, mit ihm freilich auch
der liberale Graf Dyhrn und Herr v. Gruttschreiber, ein unruhiger Kopf,
der mehrmals auf eigene Faust schlesische Volksrepräsentanten versammelt
hatte. Den alten Marwitz hielt man fern; man fürchtete wohl den un-
bändigen Freimuth des eisernen Mannes. Dieselbe Sorge und das alte
Mißtrauen, das Voß und Wittgenstein noch gegen den großen Reformer
hegten, mochten auch verschulden, daß der Freiherr vom Stein nur um
ein schriftliches Gutachten ersucht wurde.
Die Verhandlungen mit den einzelnen Gruppen der Vertrauens-
männer währten selten mehr als acht Tage; sie waren ebenso leer als
kurz. Die Notabeln sollten, auf Befehl des Königs, nur über die Zu-
sammensetzung der Provinzialstände, nicht über den Umfang ihrer Rechte
befragt werden; denn bei aller Verehrung für die Sonderrechte der Pro-
vinzen konnte man doch nicht verkennen, daß es unmöglich sei, einen Ver-
fassungsplan mit zehn Versammlungen zu vereinbaren. Die Commission
beschloß daher über alle wesentlichen Grundsätze der Verfassung durchaus
selbständig. Die Einberufenen fühlten, wie wenig an der beschlossenen
Sache zu ändern sei, traten still und bescheiden auf; ihr Gutachten gab
nur in geringfügigen Nebenfragen den Ausschlag. Selbst die Rheinländer
wagten nur schüchtern eine beschränkte Oeffentlichkeit für die Landtage zu
fordern, und die Absicht sich für ihren Landsmann Görres zu verwenden
ließen sie bald fallen. Leider zog man aus diesen Erfahrungen nicht den
nahe liegenden Schluß, daß die Provinzialstände selber der gleichen Un-
fruchtbarkeit verfallen mußten.
Innerhalb der Commission entbrannte aber sofort von Neuem der
alte Parteikampf. Die altständische Ansicht des Kronprinzen und seines
Ancillon fand jetzt einen mächtigen Beistand an Herrn v. Voß-Buch. Ein
achtungswerther wohlmeinender Mann, ein pflichtgetreuer altpreußischer
Beamter, war der Führer des brandenburgischen Adels seit vielen Jahren
mürrisch auf seinen Gütern geblieben, gleich seinem Freunde, dem alten
Minister von Angern im Magdeburgischen, grollend über die neuen Agrar-
gesetze, über die meisterlose Zeit, die an der hergebrachten Gliederung
der Stände rüttelte. Er sah den Staat durch doktrinäre Thoren dicht
an den Rand des Abgrundes gedrängt; innezuhalten auf dem Wege der
Neuerung, die Gewerbefreiheit, die Ablösung der bäuerlichen Lasten wieder