266 III. 5. Die Großmächte und die Trias.
die liberale Welt, wenn der schöne Mann mit den begeisterten, leuchtenden
Augen und der breiten kahlen Stirn eine seiner schwungvollen, gedanken-
reichen Reden hielt und die scharfsinnige Erörterung des englischen Handels-
vortheils immer zur rechten Zeit durch einen wohlberechneten Ausfall
auf die verhaßte heilige Allianz oder durch einen feierlichen Anruf der
Selbständigkeit der Nationen oder durch ein Freiheit athmendes classisches
Citat unterbrach. Da zudem die Verehrung für das freie England
noch von den napoleonischen Zeiten her nachwirkte, so geschah das Selt-
same, daß dieser aristokratische eingefleischte Insulaner bald für einen
Helden des weltbürgerlichen Liberalismus galt und dies Inselvolk, das
unter allen Nationen der Welt die stärkste nationale Selbstsucht besitzt,
als der hochherzige Vertheidiger der allgemeinen Völkerfreiheit gepriesen
wurde. Für Metternich ward Canning ein furchtbarer Feind. Mit den
Ideologen der Revolution wußte die Hofburg schon fertig zu werden:
dieser Mann aber, der Feuer und Kälte, Schwung und Nüchternheit so
wunderbar vereinigte, der, gestützt auf die wirthschaftliche Kraft der größten
Geldmacht der Erde, die kühlen Berechnungen seiner Handelspolitik mit
dem gewaltigen Pathos volksthümlicher Beredsamkeit vertheidigte und die
öffentliche Meinung Europas in den Dienst der englischen Seeherrschaft
zog, er blieb den Wiener Staatslenkern ein Räthsel. Nur wenige Wochen
stand er am Ruder, da ward er schon von den Diplomaten Oesterreichs
mit einer Fluth von Verleumdungen überschüttet, welche die geheime Be-
sorgniß deutlich verriethen. —
So standen die Dinge, als Kaiser Alexander und die Staatsmänner
der großen Mächte im September sich in Wien zu vertraulichen Vor-
besprechungen einfanden. Zur Beruhigung Aller zeigte der Czar eine
„europäische Gesinnung“, welche an die Laibacher Tage gemahnte. Er
nahm keinen Anstand, den Preußen reumüthig zu gestehen, daß er einst
von den Plänen der Neuerer das Wohl der Menschheit erhofft und auch in
der griechischen Sache mehrfach geirrt habe. Jetzt aber seien die Neuerer
entlarvt, jetzt gälte es nur noch die Revolution zu bewältigen und Europa
endlich zu beruhigen. Mit seiner ganzen Nation habe er kämpfen müssen,
doch der Untergang der großen Allianz bleibe das größte aller Uebel,
und daneben dürften Privatinteressen nicht in Betracht kommen. So ganz
verwandelt erschien jetzt der Fürst, der einst der Welt die Lehren des
christlichen Liberalismus verkündigt; selbst die Schlagworte Metternich's,
der jede gesunde nationale Staatskunst als persönlichen Eigennutz zu
brandmarken pflegte, hatte er sich bereits angeeignet. Nur die fromme
Salbung früherer Tage war ihm noch geblieben. „Die Politik,“ sagte er
zu Hatzfeldt, „ist nicht mehr, was sie einst war. Sie ruht nicht mehr auf
der Selbstsucht, die Grundsätze unseres wahrhaft heiligen Bundes sind
rein wie er selbst; nur wenige Menschen verstehen diese Staatskunst
schon ganz.“ So war man denn allerseits einig, die griechische Frage