Volltext : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

Einbruch  des  Judenthums.  703

Ein  rühriger  Bundesgenosse  erwuchs  dem  neuen  Radicalismus  in
der  jungen  Macht  des  literarischen  Judenthums.  Die  moderne  Juden—
schaft  besaß  schon  längst  nicht  mehr  die  geistige  Kraft  um  aus  sich  heraus
eine  gesunde  eigenartige  Bildung  zu  erzeugen,  wie  vor  Zeiten  inmitten  der
orientalischen  Cultur  des  spanischen  Maurenreichs.  In  den  alten  Cultur—
völkern  Westeuropas  stand  die  nationale  Gesittung  so  fest,  daß  die  Juden
dort  gar  nicht  wagen  durften,  in  Politik  und  Literatur  als  eine  selbständige
Macht  aufzutreten.  Auch  der  erste  deutsche  Jude,  der  in  unserer  Lite—
ratur  Ansehen  errang,  Moses  Mendelssohn,  folgte  dem  Strome  unseres
nationalen  Lebens,  half  redlich  mit  an  der  Gedankenarbeit  der  deutschen
Aufklärungsphilosophie;  wenn  er  den  Glauben  seiner  Väter,  wie  sein  gutes
Recht  war,  gegen  Lavater  vertheidigte,  so  war  er  doch  keineswegs  gemeint,
die  deutsche  Welt  mit  jüdischen  Ideen  zu  durchtränken,  er  bemühte  sich
vielmehr  seine  Stammgenossen  für  die  deutsche  Bildung  zu  gewinnen.
Mittlerweile  war  seine  Saat  aufgegangen,  ein  Theil  der  Judenschaft  hatte
sich  mehr  oder  minder  germanisirt,  in  der  Presse  wirkten  schon  mehrere
jüdische  Schriftsteller,  aber  bald  regte  sich  in  diesen  Kreisen  ein  gefähr—
licher  Geist  der  Absonderung  und  der  Anmaßung.  Die  Judenschaft  war
in  Deutschland  weit  zahlreicher  als  in  den  westlichen  Nachbarlanden,  und
da  der  deutsch-polnische  Judenstamm  sich  von  jeher  schwerer  an  das  abend—
ländische  Wesen  gewöhnt  hatte  als  die  spanischen  Juden,  die  in  England
und  Frankreich  damals  noch  überwogen,  so  geschah  es,  daß  in  Deutsch—
land  —  und  hier  allein  —  eine  eigenthümliche  halb-jüdische  Literatur  auf—
kam,  welche  ihre  orientalische  Weltanschauung,  ihren  ererbten  Christenhaß
in  abendländische  Formen  hüllte.  Ein  durchgebildeter  Nationalstolz,  der
solche  Versuche  von  Haus  aus  verhindert  hätte,  war  hier  nicht  vorhanden;
dieser  geduldige  deutsche  Boden  hatte  schon  allen  Nationen  Europas  zum
Tummelplatze  gedient,  hier  durfte  auch  das  Judenthum  noch  sein  Glück
versuchen.

Die  edleren  und  ernsteren  Männer  der  deutschen  Judenschaft  hatten
längst  eingesehen,  daß  ihr  Stamm  nur  dann  die  bürgerliche  Gleichberech—
tigung  beanspruchen  durfte,  wenn  er  selber  seine  Sonderstellung  aufgab
und  ohne  Vorbehalt  im  deutschen  Leben  aufging.  Wenige  Jahrzehnte  nachdem
  Moses  Mendelssohn  seinen  Weckruf  hatte  erscheinen  lassen,  wirkten
schon  überall  in  Kunst  und  Wissenschaft  begabte  Männer  jüdischer  Ab—
stammung,  getaufte  und  ungetaufte,  die  sich  ganz  als  Deutsche  fühlten
und  in  ihren  Werken  durchaus  deutsche  Züge  zeigten:  in  der  Musik  Felix
Mendelssohn-Bartholdy,  in  der  Malerei  Veit,  in  der  Theologie  der  kind—
lich  gläubige  Neander.  Die  schnellfertigen  jüdischen  Talente  dagegen,  welche
in  der  Tagespresse  das  Wort  führten,  trugen  ihre  jüdische  Sonderart  hoch—
müthig  zur  Schau  und  verlangten  gleichwohl  als  Wortführer  der  deut—
schen  öffentlichen  Meinung  geachtet  zu  werden.  Dies  vaterlandslose  Juden—
thum,  das  sich  als  Nation  innerhalb  der  Nation  gebärdete,  wirkte  auf