Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Vierter Teil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. (27)

Kaspar  Hauser.  363

seinem  Hennenhofer  traute  man  alles  Böse  zu,  und  so  fand  denn  die  neue
Legende  lebhaften  Anklang.  Feuerbach  selbst  schenkte  ihr  Glauben  und
sendete  dem  Münchener  Hofe  eine  geheime  Denkschrift,  die  seiner  Kombinationsgabe
  mehr  zur  Ehre  gereichte,  als  seinem  Verstande.  König  Ludwig
ließ  sich  ebensogern  überzeugen,  wie  sein  phantastischer  Minister  Fürst
Wallerstein;  der  romanhafte  Reiz  bestach  ihn  leicht,  unwillkürlich  mochte
auch  sein  alter  Haß  gegen  die  Zähringer  mitspielen.  Sogar  seine  Stief—
mutter  Königin  Karoline  ließ  eifrig  nachforschen  und  scheint  eine  Zeitlang
an  das  Märchen  geglaubt  zu  haben,“)  obgleich  sie  selbst  eine  badische  Prin—
zessin  war  und  mit  ihrem  Stiefsohne  selten  übereinstimmte.  Der  badische
Hof  war  längst  im  Besitze  von  Aktenstücken,  welche  den  natürlichen  Tod
jenes  jungen  Erbprinzen  unzweifelhaft  erwiesen,  und  konnte  durch  eine
offene  Erklärung  das  boshafte  Geschwätz  sofort  ertöten;  er  hegte  jedoch,
wie  alle  Höfe  jener  Zeit,  eine  fast  krankhafte  Scheu  vor  der  Offentlich—
keit  und  mochte  zudem  fürchten,  daß  durch  solche  Enthüllungen  auch  andere,
besser  beglaubigte  Schmutzgeschichten  aus  den  Zeiten  der  beiden  letzten
Großherzoge  zu  Tage  kommen  würden.  Genug,  er  schwieg,  und  nunmehr
verbreiteten  sich  die  unheimlichen  Gerüchte,  die  allem  Anschein  nach  zuerst
in  Bayern  aufgetaucht  waren,  auch  weithin  über  das  badische  Land.  In
Karlsruhe,  der  klatschsüchtigsten  aller  deutschen  Residenzen,  erlebten  die
Lästermäuler  gute  Tage;  die  verbitterten  Liberalen  hießen  alles  willkommen,
was  den  Fürsten  Schande  brachte;  auch  unter  dem  Breisgauer  Adel,  der
dem  evangelischen  Fürstenhause  noch  nicht  recht  traute,  fanden  sich  viele
Gläubige.

Nunerdreistete  sich  der  nichtsnutzige  Demagog  Garnier  —  der  Rastatter
Ravaillac,  wie  er  sich  selber  nannte  —  in  einem  albernen  Schauerromane
die  Leiden  des  lebendig  begrabenen  badischen  Erbprinzen  ausführlich  zu
erzählen,  und  fortan  stand  die  Fabel  fest.  Brandschriften  der  ultramontanen
und  der  radikalen  Feinde  des  badischen  Hauses  schmückten  das  Märchen  noch
reicher  aus;  die  Hauser-Legende  diente  den  Parteien  des  Umsturzes  als  ein
wirksames  Mittel,  um  den  Massen  die  Verderbnis  der  Höfe  zu  beweisen.
Unglaublich,  wieviel  Haß  und  Argwohn  durch  diese  nachbarlichen  Zänkereien
  in  Süddeutschland  gesät  wurde.  Als  Feuerbach  einige  Monate  vor
seinem  Schützlinge  starb,  da  behaupteten  viele  seiner  Verehrer  unerschütterlich,
  die  Seelenmörder  Kaspar  Hausers  hätten  auch  dessen  mächtigen  Gönner
vergiftet;  und  doch  war  allbekannt,  daß  der  große  Rechtsgelehrte,  durch
Arbeit  und  Gemütsbewegungen  früh  gealtert,  schon  mehrere  Schlaganfälle
erlitten  hatte.  Der  Glaube  an  den  badischen  Prinzenraub  blieb  lange  Zeit
so  mächtig,  daß  die  ernste  Wissenschaft  sich  nicht  gern  mit  der  widerlichen
Frage  befassen  mochte;  denn  eine  tief  eingewurzelte  Volksüberzeugung  darf

 

*)  Darauf  deuten  einige  Bemerkungen  in  den  oft  erwähnten  Aufzeichnungen  ihres
Hofpredigers  v.  Schmitt.