§. 44. Herzog Eberhard Ludwig. Die Wirthschaft der Grävenitz. 149
Ludwigsburgs. Da, wo früher das Dorf Gaisnang und nach dessen Zer-
störung der Erlachhof gestanden war, ließ Eberhard Ludwig (1697) ein Jagd-
schloß errichten. Im Jahr 1704 erbaute er das Lustschloß Ludwigsburg und
entschloß sich 5 Jahre später, eine Stadt zu gründen. Der Bau der Stadt
wollte aber nicht nach Wunsch vorwärts gehen, obgleich der Herzog dle Bauplätze
und theilweise die Baumaterialien den Einwohnern schenkte und diese 15—20
Jahre steuerfrei waren. Erst als sich der Herzog entschloß, die Residenz nach
Ludwigsburg zu verlegen, gieng der Bau rascher von Statten. Städte und
Aemter wurden gezwungen, je ein Haus auf ihre Kosten in der neuen Stadt zu
bauen. Damit beschenkte dann der Herzog seine Hofleute und Räthe. Schließ-
lich mußten die Kanzleien und alle Regierungsbehörden auch noch nach Lud-
wigsburg folgen, so daß Stuttgart ganz verödet lag, — alles um der Gräfin
willen 1).
Doch auch ihr Maß sollte endlich voll werden. Die Stimme der Unzufrie-
denheit des Volkes war nicht länger mehr zu unterdrücken. Das Elend war zu
groß und zu tiefgehend. Im Jahr 1717 hatte die erste große Auswanderung
von Württembergern nach Nordamerika stattgefunden. Der Hof zeigte äußeren
Glanz und Pomp in großartigen Festen, Bällen, Konzerten, Jagden, und die armen
Unterthanen, die kaum ihren Hunger stillen konnten, mußten es bezahlen. Der
Wildstand hatte sich so sehr vermehrt, daß in einem einzigen kalten Winter 10000
Schweine, Hirsche und Rehe umkamen. Und doch war es den Bauern verboten,
diese Plage von ihren Feldern abzuwehren. Die Kammerschulden stiegen ins
unendliche; der Herzog selber hatte kein Geld mehr, so daß er der nimmersatten
Gräfin einmal mit Thränen klagte, „er wisse nichts mehr aufzutrelben; er gebe
ihr ja alles, was zu bekommen sei.“ Am Hof schwamm man in Vergnügungen,
und die Handwerksleute und Arbelter des Herzogs lagen vor den Beamten auf
den Knieen und flehten um Bezahlung ihrer Rechnungen. Das ganze Land
bot das Bild eines glänzenden Elends, der tiefsten Armut, der
bittersten Noth! Dem Herzog glengen darüber doch nach und nach die Augen
auf; einzelne wackere Männer, namentlich Ostander, fürchteten auch die fürstliche
Ungnade nicht, sondern sagten ihm unverblümt die Wahrheit. Auch König Fried-
rich Wilhelm von Preußen forderte ihn bei einem Besuche in Ludwigsburg
(1730) auf, das schmähliche Verhältniß mit der Gräfin aufzulösen. Diese in
einem Alter von beinahe fünfzig Jahren, mürrisch und unerträglich launisch, hatte
alle Reize für den Herzog verloren; zudem hatte sie sich mit ihrer eigenen Partei,
namentlich mit ihrem Bruder, gänzlich entzweit. So mußte der von vielen
längst gehoffte und sehnlich erwartete Sturz endlich kommen. Als Eberhard
Ludwig im Jahr 1730 eine Reise nach Berlin antrat, hinterließ er ihr den Be-
fehl, daß sie sich auf ihre Güter zurückzuziehen habe. Sie begab sich nach Freu-
denthal, von wo aus sie nochmals auf den Herzog einzuwirken suchte. Dieser
aber ließ sie durch Husaren gefangen nehmen und in das Schloß Urach bringen
und, da sie hier Umtriebe zu ihrer Befreiung machte, auf der Feste Hohenurach
strenge bewachen. Im Oktober 1733 schloß der Herzog mit ihr einen Vertrag
ab, nach welchem sie das Land zu verlassen und die Güter Brenz, Gochs-
1) Ludwigsburg wurde zur zweiten Residenzstadt und dritten Hauptstadt des Landes
erhoben.