Full text : Friedrich der Vorläufige, die Zietz und die Anderen.

wohl  weniger  fesselnden  Stoff  bieten.  Der  Sessel  selbst,  auf  dem
Bismarck  saß,  ist,  als  im  neuen  Reichstagsgebäude  der  Bundesratssaal
  auch  neue  Möbel  bekam,  in  das  Fraktionszimmer  der
Sozialdemokratie  geraten.  Paul  Singer  saß  jahrelang  daxauf.

Während  der  vergeblich  aufgesuchte  Reichsrat,  wie  es  heißt,
heute  das  Friedensermächtigungsgesetz  und  die  Betriebsrätevorlage
  bespricht,  wird  in  der  Nationalversammlung  in  dritter
Lesung  das  ganze  bieher  vorgelegte  Steuerbündel  angenommen,
  mitsamt  den  Strafbestimmungen  wider  die  Kapitalflucht.
  Es  geht  in  der  Sitzung  heute  merkwürdig  gesittet  zu,
obwohl  die  Zietz  und  der  Erzberger  anwesend  sind.  In  großer
Einmütigkeit  erklärt  man  sich  für  alles  das,  was  den  Steuerzahlern
  die  Augen  übergehen  lassen  wird.  Es  wird  wirklich
nicht  nur  in  das  bisher  uneinsehbare  Bankbuch  und  Schließfach,
  sondern  auch  bis  in  Strumpf  und  Strohsack  gegriffen,
das  Papiergeldhamstern  so  gut  wie  unmöglich  gemacht,  außerdem
  jedermann,  der  über  10  000  Mark  jährlich  einnimmt,  zu
genauer  Buchführung  behufs  gefälliger  Einsicht  für  die
Steuerbeamten  gezwungen,  während  dies  bisher  nur  der
Kaufmann  nötig  hatte.

Mit  jugendlichem  Eifer  stürmt  der  Goldsucher  Erzberger
voran;  das  artige  Sümmchen  von  vielen  Zehntausenden,  das
die  Familie  Erzberger  in  dem  Schweizer  Luxushotel  in  St.
Moritz  läßt,  ist  zwar  nicht  mehr  wiederzukriegen,  und  auch
noch  viele  andere  Zehntausende  von  Mark  werden  wohl  noch
schleunigst  verpraßt  werden,  obwohl  der  Finanzminister  Erzberger
  bei  seiner  Antrittsrede  am  8.  Zuli  gegen  die  „schrankenlose
  Genußsucht“  so  schön  gesprochen  hat,  aber  manches  wird
man  doch  fassen  können.  Besonders,  wenn  man  fortan  jeden
zweiten  Deutschen  zum  Steuerbeamten  ernennt  und  mit  der
Beaufsichtigung  seines  Nächsten  betraut.  Die  Geschichte  wird
ungeheuer  billig  und  einfach.  Unser  Reichsfinanzminister  ist
ein  Tausendsassa.

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