105
Die große Aenderung in der Dynastie machte sich auch sogleich
bemerklich, denn Joseph II zerriß die Bande, die Wien bisher
mit Rom verbunden hatten, half mit zur Aufhebung des Jesuitenordens,
säcularisirte eine Menge Klöster und führte die Aufklärung
und ein liberales System in Oesterreich ein. Aber er
überstürzte sich dabei und stieß daher überall auf Widerstand. Mit
den lateinischen Jesuitenschulen hörte die Herrschaft des romanischen
Geistes in Oesterreich auf, der Kaiser begünstigte die deutsche
Sprache in den Schulen, wollte sie aber so plötzlich und gewaltsam
auch den Böhmen und Ungarn aufdrängen, daß sie sich
ihm widersetzten. Die Germanisirung hätte schon Jahrhunderte
früher, allmälig mit allen Wohlthaten der Civilisation bewirkt
werden sollen. Auch in der Aufklärerei ging er zu weit, verstieß
tyrannisch gegen manche gute alle Sitte und wollte, wie es
scheint, ein noch größerer Freidenker seyn, als Friedrich der
Große, dessen Ruhm er beneidete.
Zum zweitenmal trat Oesterreich aus dem Zauberkreise des
spanischen Absolutismus heraus, wie es früher zum erstenmal,
wenn auch mit andern Mitteln und untern andern Umständen,
Wallenstein versucht hatte. Diesmal war es der Kaiser selbst,
der Toleranz übte. Der mächtige Jesuitenorden war aufgehoben,
Spanien und Italien befanden sich in einer kläglichen Schwäche.
Also hatte Kaiser Joseph nicht mit so vielen Hindernissen zu
kämpfen, wie einst Wallenstein. Aber er setzte doch keine nachhaltige
Reform durch, weil er alles zu sehr übereilte und zu oberflächlich
behandelte. In so großer Schnelligkeit, wie er es meinte,
ließen sich die jahrhundertlangen Versäumnisse der Habsburger
nicht nachholen. Die moderne Aufklärung vermochte die geistige
Leere nicht auszufüllen, welche die Jesuitenerziehung dem Volk
zum Erbtheil gelassen hatte. Oesterreich war allzuweit zurückgeblieben
hinter der geistigen Bildung im protestantischen Norddeutschland.
Es war nicht geschult genug, im Allgemeinen zu